Frage
Lieber Pater,
ich bin überzeugter Atheist, interessiere mich jedoch für einige Grundsätze der katholischen Religion.
In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen eine historische Frage stellen, die sich auf bekannte katholische Politiker des 20. Jahrhunderts bezieht: nämlich auf Augusto Pinochet und Francisco Franco. Beide werden offiziell als Diktatoren bezeichnet – eine Einstufung, der ich persönlich nicht zustimme.
Mich würde interessieren, wie die katholische Kirche diese Persönlichkeiten beurteilt, sowohl im Hinblick auf ihr politisches Handeln als auch im Lichte ihres nachweislich gelebten Glaubens.
Ich freue mich auf Ihre Antwort. Vielen Dank.
Mit freundlichen Grüßen
Giacomo
Antwort des Priesters
Lieber Giacomo,
- Die Kirche urteilt in ihrem Lehramt nicht über Menschen.
Das Urteil über die Menschen steht allein Gott zu, der die Herzen kennt. - Die Kirche hingegen beurteilt die Ideologien, auf die sich gewisse Menschen berufen.
Sie entscheidet, ob diese mit dem Evangelium und der Würde des Menschen im Einklang stehen. - Deshalb gibt es kirchliche Urteile über Kapitalismus und Kommunismus.
Zum Beispiel schreibt Pius XI. in der Enzyklika Quadragesimo anno (1931) über den Kapitalismus, dass „das Kapital nicht von seiner Natur her böse sei“. Doch fügt er sogleich hinzu: „Es verletzt jedoch die rechte Ordnung, wenn das Kapital die Arbeiter, das heißt die Klasse der Lohnarbeitenden, an sich bindet mit dem Ziel oder unter der Bedingung, die gesamte Wirtschaft nach eigenem Gutdünken und Vorteil auszubeuten, ohne Rücksicht auf die menschliche Würde der Arbeiter, auf den sozialen Charakter der Wirtschaft sowie auf die soziale Gerechtigkeit selbst und das Gemeinwohl“ (QA 101). - Des Weiteren: „Letzte Folgen des individualistischen Geistes in der Wirtschaftsordnung sind jene, die ihr selbst, ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, seht und beklagt: An die Freiheit des Marktes ist die wirtschaftliche Vormacht getreten; an die Gier nach Gewinn hat sich der ungezähmte Machthunger angeschlossen, und das gesamte Wirtschaftsleben ist so entsetzlich hart, unerbittlich, grausam geworden … Die Erniedrigung der Würde des Staates, der sich selbst zum willenlosen und gefügigen Werkzeug menschlicher Leidenschaften und Ambitionen macht, wo er doch thronen sollte als souveräne und unparteiische Instanz, frei von jeder Parteipräferenz und einzig dem Gemeinwohl und der Gerechtigkeit verpflichtet“(QA 108).
- Über den Kommunismus sagt er, dass er zwei Hauptziele verfolgt: schärfsten Klassenkampf und äußerste Eigentumsfeindlichkeit. Nicht auf Schleich- und Umwegen, sondern mit offener und rücksichtsloser Gewalt geht er aufs Ziel. Vor nichts schreckt er zurück; nichts ist ihm heilig. Zur Macht gelangt, erweist er sich von unglaublicher und unbeschreiblicher Härte und Unmenschlichkeit. Die unseligen Trümmer und Verwüstungen, die er in dem ungeheueren Ländergebiet von Osteuropa und Asien angerichtet hat, sprechen eine beredte Sprache. In welchem Maße dieser kommunistische Sozialismus offen kirchenfeindlich und gottfeindlich ist, das ist leider nur zu sehr bekannt, nur zu sehr durch Tatsachen belegt! Für die guten und treuen Kinder der Kirche bedarf es da wahrlich keiner Warnung mehr vor dem gottlosen und ungerechten Kommunismus“ (QA 111)
- Er bemerkt ferner, dass „die andere Partei, die den Namen des Sozialismus beibehalten hat, gemäßigter ist, da sie nicht nur ausdrücklich den Weg der Gewalt ablehnt, sondern auch den Klassenkampf und die Aufhebung des Privateigentums durch gewisse Überlegungen abmildert, auch wenn sie diese nicht vollständig verwirft“ (QA 112).
Doch auch dies lässt sich nicht mit der christlichen Lehre vereinbaren, nach der „der Mensch, ausgestattet mit einer geselligen Natur, auf Erden lebt, um in der Gemeinschaft und unter einer von Gott eingesetzten sozialen Ordnung all seine Fähigkeiten zu entfalten und zur Ehre des Schöpfers zu entwickeln; und indem er die Pflichten seines Berufs oder seiner Berufung – welcher Art sie auch seien – treu erfüllt, soll er sowohl zeitliches Glück als auch das ewige Heil erreichen. Der Sozialismus hingegen, indem er dieses erhabene Ziel des Menschen wie auch der Gesellschaft übersieht oder völlig vernachlässigt, geht davon aus, dass das menschliche Zusammenleben einzig und allein auf das irdische Wohl ausgerichtet sei“ (QA 117). - 7. Über den Atheismus äußert sich das Zweite Vatikanische Konzil wie folgt:
„Ein besonderer Wesenszug der Würde des Menschen liegt in seiner Berufung zur Gemeinschaft mit Gott.
Zum Dialog mit Gott ist der Mensch schon von seinem Ursprung her aufgerufen: er existiert nämlich nur, weil er, von Gott aus Liebe geschaffen, immer aus Liebe erhalten wird; und er lebt nicht voll gemäß der Wahrheit, wenn er diese Liebe nicht frei anerkennt und sich seinem Schöpfer anheimgibt. Viele unserer Zeitgenossen erfassen aber diese innigste und lebensvolle Verbindung mit Gott gar nicht oder verwerfen sie ausdrücklich. So muss man den Atheismus zu den ernstesten Gegebenheiten dieser Zeit rechnen und aufs sorgfältigste prüfen. Mit dem Wort Atheismus werden voneinander sehr verschiedene Phänomene bezeichnet.
Manche leugnen Gott ausdrücklich; andere meinen, der Mensch könne überhaupt nichts über ihn aussagen; wieder andere stellen die Frage nach Gott unter solchen methodischen Voraussetzungen, dass sie von vornherein sinnlos zu sein scheint. Viele überschreiten den Zuständigkeitsbereich der Erfahrungswissenschaften und erklären, alles sei nur Gegenstand solcher naturwissenschaftlicher Forschung, oder sie verwerfen umgekehrt jede Möglichkeit einer absoluten Wahrheit. Manche sind, wie es scheint, mehr interessiert an der Bejahung des Menschen als an der Leugnung Gottes, rühmen aber den Menschen so, dass ihr Glaube an Gott keine Lebensmacht mehr bleibt.
Andere machen sich ein solches Bild von Gott, dass jenes Gebilde, das sie ablehnen, keineswegs der Gott des Evangeliums ist. Andere nehmen die Fragen nach Gott nicht einmal in Angriff, da sie keine Erfahrung der religiösen Unruhe zu machen scheinen und keinen Anlass sehen, warum sie sich um Religion kümmern sollten. Der Atheismus entsteht außerdem nicht selten aus dem heftigen Protest gegen das Übel in der Welt oder aus der unberechtigten Übertragung des Begriffs des Absoluten auf gewisse menschliche Werte, so dass diese an Stelle Gottes treten. Auch die heutige Zivilisation kann oft, zwar nicht von ihrem Wesen her, aber durch ihre einseitige Zuwendung zu den irdischen Wirklichkeiten, den Zugang zu Gott erschweren.
Gewiss sind die, die in Ungehorsam gegen den Spruch ihres Gewissens absichtlich Gott von ihrem Herzen fernzuhalten und religiöse Fragen zu vermeiden suchen, nicht ohne Schuld; aber auch die Gläubigen selbst tragen daran eine gewisse Verantwortung.
Denn der Atheismus, allseitig betrachtet, ist nicht eine ursprüngliche und eigenständige Erscheinung; er entsteht vielmehr aus verschiedenen Ursachen, zu denen auch die kritische Reaktion gegen die Religionen, und zwar in einigen Ländern vor allem gegen die christliche Religion, zählt.
Deshalb können an dieser Entstehung des Atheismus die Gläubigen einen erheblichen Anteil haben, insofern man sagen muß, daß sie durch Vernachlässigung der Glaubenserziehung, durch missverständliche Darstellung der Lehre oder auch durch die Mängel ihres religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Lebens das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhüllen als offenbaren” (Gaudium et spes 19).
Wie du siehst, habe ich am Ende auch den Atheismus angesprochen, denn auch wenn du dich für einen überzeugten Atheisten hältst, bleibt er doch ein existenzielles Problem, das den Grund unseres Lebens berührt.
Mit den besten Wünschen segne ich dich und schließe dich in besonderer Weise gerne in mein Gebet ein.
Pater Angelo
Questo articolo è disponibile anche in:

