Frage
Guten Tag,
mein Name ist F. und ich bin Atheist. Ich glaube an keine Religion, da ich die Gegenwart eines höheren Wesens nicht spüre. Trotzdem würde ich Ihnen gerne ein paar Fragen stellen:
– Warum betrachten Sie Selbstbefriedigung als schwere Sünde, und warum sollte man sich, Ihrer Meinung nach, dafür schämen? Ich masturbiere regelmäßig und habe mich noch nie deswegen schuldig gefühlt. Ich bin kein unsicherer oder „seltsamer“ Mensch, sondern denke einfach, dass jede Handlung, die Freude bereitet – ob in sexueller Hinsicht oder nicht –, nicht falsch sein kann, solange man niemandem schadet.
Außerdem finde ich, dass Geschlechtsverkehr mit einer Person (ob Partnerin/Partner oder auch nicht) oder vorehelicher Sex keineswegs etwas Verwerfliches oder „Sündhaftes“ sein kann, sondern im Gegenteil etwas ganz Natürliches.
Auch wenn man im gegenseitigen Einverständnis mit einer Person schläft, für die man keine Liebe empfindet, halte ich das -aus denselben Gründen wie bei der Selbstbefriedigung-kl für völlig normal.
Vorehelicher Geschlechtsverkehr mit der Partnerin bzw. dem Partner ist meiner Meinung nach ebenso etwas ganz Normales. Es ist ein Akt tiefster Intimität, den man mit einem geliebten Menschen teilt und durch den eine noch engere Bindung voller Liebe, Zuneigung und Verbundenheit entsteht.
– Ich glaube auch, dass die katholische Kirche das Gebot der Armut nicht respektiert. Das Vermögen und die Besitztümer des Vatikans sind beträchtlich. Daher meine ich, dass die Kirche alles, was sie besitzt, den Bedürftigsten geben sollte, wenn sie wirklich den Lehren der heiligen Schriften des Christentums folgen will.
– Auch die Trennung der Eheleute halte ich weder für eine Sünde noch für etwas Falsches oder Unmoralisches. Wenn zwischen zwei Menschen keine Liebe mehr besteht, kann ein erzwungenes Zusammenleben beiden schaden und sie unglücklich machen.
– Ebenso sehe ich Selbstmord als etwas völlig Normales, wenn ein Mensch so sehr leidet, dass das Leben für ihn nur noch Angst, Schmerz oder Qualen bedeutet und infolgedessen keinen Grund mehr sieht zu leben.
Ich hoffe, dass ich, trotz meiner sehr unterschiedlichen Sichtweise im Vergleich zu den üblichen Lesern Ihrer Seite, eine Antwort bekomme.
Vielen Dank.
Antwort des Priesters
Lieber F.,
- Ich möchte dir zunächst zwei Dinge anmerken.
Erstens: Wenn es kein letztes Ziel unserer Existenz gibt – mit anderen Worten, wenn es weder Gott noch das ewige Leben gibt –, dann lohnt es sich, wie es der heilige Paulus sagt, zu essen, zu trinken und sich dem Vergnügen hinzugeben:
„Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken; denn morgen sterben wir“ (1 Kor 15,32).
Wenn einer das Haus verlässt, ohne ein Ziel zu haben, wohin er gehen will, kann man ihm nicht sagen: „Entschuldigung, du gehst in die falsche Richtung, es geht hier entlang“. - Nun, das Ziel, das Gott den Menschen gegeben hat, ist die Vereinigung mit Ihm, die Heiligung.
Wer ein Mindestmaß an geistlichem Leben hat, spürt, dass eine Todsünde – wie zum Beispiel die Selbstbefriedigung – ihn von Gott trennt und das geistliche Leben in ihm auslöscht.
Wer hingegen kein Minimum an geistlicher Sicht hat, nimmt dies nicht wahr. - Daher wundert es nicht, wenn einige sogar jene perverse Erfahrung machen, von der der heilige Paulus spricht, wenn er sagt: „Denn viele – von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche – leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist Verderben, ihr Gott der Bauch und ihre Ehre besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn“ (Phil 3,19).
Ihr Ende aber wird das Verderben sein, auch wenn sie es nicht glauben. - Die zweite Überlegung bewegt sich hingegen auf der Ebene der Vernunft. Es ist nicht notwendig, den Glauben miteinzubeziehen.
Die Sexualität – oder genauer gesagt die Geschlechtlichkeit – besitzt insbesondere beim Menschen ein eigenes inneres Ziel, das weit über die bloße Befriedigung niederer Triebe hinausgeht.
Die Weitergabe des Geschenks seiner selbst, wie sie in der Ehe geschieht, wird hier verleugnet.
Die Sexualität ist ihrem Wesen nach bipolar, das heißt auf den anderen hin ausgerichtet. Jede solipsistische, bloß sinnliche und egoistische Nutzung widerspricht ihrer Bestimmung.
Es ist nicht notwendig, gläubig oder katholisch zu sein, um sich der Selbstbefriedigung zu schämen. Auch dort, wo es keine katholische Kultur gibt, werden solche Erfahrungen gleichermaßen als beschämend und erniedrigend angesehen. - In deiner E-Mail wiederholst du das Konzept: „Solange man niemandem schadet“.
Bist du dir wirklich sicher, dass eine Person, die alles auf sexuelle Befriedigung ausrichtet – sowohl in Bezug auf sich selbst als auch im Umgang mit anderen – überhaupt noch fähig ist, zu lieben?
Und dass sie nicht – aufgrund ihres Egoismus und ihrer Unreife – Ursache großer seelischer Schmerzen für andere wird?
Ich könnte dir das Büchlein eines Psychologen empfehlen, der sich selbst als Atheisten bezeichnete: Erich Fromm, Die Kunst des Liebens.
Seine Überlegungen als Psychologe gehen nicht in deine Richtung, im Gegenteil, sie sind ihr entgegengesetzt. - Ganz zu schweigen davon, dass die sexuellen Beziehungen ihr eigenes inneres Ziel haben, nämlich die Fortpflanzung.
Und sich der Möglichkeit einer Zeugung außerhalb der Ehe auszusetzen – nur weil man sich vergnügen will –, kann das nicht zur Quelle vieler Übel werden? - Kommen wir zu einem anderen Thema. Du sagst: „Die katholische Kirche respektiert das Gebot der Armut nicht. Das Vermögen und die Besitztümer des Vatikans sind beträchtlich“. Und du fügst hinzu: „Daher meine ich, dass die Kirche alles, was sie besitzt, den Bedürftigsten geben sollte, wenn sie wirklich den Lehren der heiligen Schriften des Christentums folgen will“.
Abgesehen vom sogenannten Gebot der Armut (ich möchte, dass du mir sagst, woher du das überhaupt nimmst – denn wenn es ein Gebot gibt, dann muss es ja auch eine Weisung geben), frage ich: Lässt sich die Kirche mit dem Vatikan identifizieren?
Ich habe den Eindruck, dass wir hier etwas durcheinanderbringen!
Versteht man unter der Kirche nicht die Gesamtheit der Gläubigen, auch jene aus deiner Pfarrei, ja sogar jene, die in demselben Haus wie du wohnen?
Und was haben sie mit dem „Vermögen“ des Vatikans zu tun?
Wenn du gläubig wärst wie ich – was hätte dein Leben dann mit dem Vermögen des Vatikans zu tun ? Wäre es dein Eigentum?
Der Vatikan ist ein Staat. Dass er ein eigenes Vermögen hat, scheint mir nicht nur legitim, sondern notwendig, weil er für die Besoldung der Beamten und andere Ausgaben aufkommen muss.
Um diesen Verpflichtungen nachzukommen – findest du es da nicht vernünftig, dass er über eigene Mittel verfügt? - Bezüglich des Rates, den du der Kirche – oder besser gesagt dem Vatikan – gibst, alles den Armen zu schenken: Warum fängst nicht du selbst damit an, „alles“ zu verschenken?
Du würdest merken, dass es dabei einer gewissen Weisheit bedarf. - Aber wenn wir von der Kirche sprechen – unabhängig vom Vatikan (denn diese beiden Wirklichkeiten sind nicht dasselbe) –, weiß ich nicht, ob es in der Welt eine Institution gibt, die überall (von den Pfarreien bis zu den entlegensten Dörfern dieser Erde) ihre Güter zur Verfügung stellt (zu ihren Gütern gehören vor allem die Menschen selbst, wie Missionare und Freiwillige), so wie es die katholische Kirche tut.
Und diese Nächstenliebe geschieht allen gegenüber, unabhängig vom religiösen Glauben!
Ich denke in diesem Moment an Mutter Teresa von Kalkutta und ihre Schwestern (mehr als fünftausend). Für wen wirken sie? Welche Gehälter beziehen sie? Wie leben sie?
Viele dieser Schwestern sind auch aus unseren Gegenden aufgebrochen.
Und der Orden von Mutter Teresa ist nur eine Gruppe, ja nur ein kleiner Teil jenes viel größeren Heeres von Menschen, das die Kirche der leidenden, armen, erniedrigten und bedürftigen Menschheit zur Verfügung stellt.
Daher sollte man vorsichtig sein, wenn man der Kirche Ratschläge in Sachen Caritas erteilen will. - Was die Trennung der Eheleute betrifft: Die Kirche zwingt Menschen nicht zum Zusammenleben, wenn es schwerwiegende Gründe gibt.
Die Kirche hat seit jeher anerkannt, dass es Gründe geben kann, die eine Trennung ratsam oder sogar erforderlich machen.
Aber eines ist die Trennung, und etwas anderes ist die Unauflöslichkeit des Bandes. - In Bezug auf den Selbstmord: Die Logik, mit der du sexuelle Erfahrungen betrachtest, ist dieselbe, mit der du ein so schwerwiegendes Thema angehst: Die anderen Menschen scheinen für dich keinerlei Wert zu haben.
Glaubst du, dass es für eine Familie schön ist, einen Selbstmörder in der Familie zu haben?
Die Behauptung, der Selbstmord sei „etwas völlig Normales, wenn der Betroffene keinen Grund mehr sieht zu leben“, ist schwerwiegend.
Das ist purer Egoismus.
Jeder Mensch hat Pflichten gegenüber seiner Verwandtschaft und gegenüber der Gesellschaft.
Jeder von uns ist aus dem Schoß einer Familie in die Welt hineingeboren worden.
Von der Familie und von der Gesellschaft hat er die Kräfte erhalten, die ihn wachsen und reifen ließen.
Familie und Gesellschaft haben in ihn investiert, ihn beschützt, umsorgt und unermüdlich ihre Energien für ihn eingesetzt.
Und jetzt entscheidet er plötzlich, zu gehen, weil er „keinen Grund mehr sieht zu leben“?
Ist das nicht unmenschlich?
Abgesehen davon empfinden Angehörige und Gesellschaft es als Pflicht –und ich würde hinzufügen, sie kümmern sich oft sogar gerne um einen kranken oder sterbenden Menschen.
Sie freuen sich, ihm Zuneigung zu schenken, solange er lebt, und ihm auch ohne Worte zu vermitteln: Wir sind froh, dass es dich gibt, trotz deines geschwächten Lebens. - Wie du siehst, habe ich versucht – wenn auch in knapper Form – auf deine zahlreichen Fragen zu antworten.
Abschließend möchte ich dir sagen, dass es nicht notwendig ist, die Existenz eines höheren Wesens „zu fühlen“, um diese anzuerkennen.
Im Gegenteil, in der Regel „fühlt“ man sie nicht auf greifbare Weise, denn die Sinne gehören der materiellen Ordnung an, während Gott geistig ist.
Ich bin froh, dir geantwortet zu haben.
Ich weiß nicht, was du vom Gebet und vom Segen eines Priesters hältst.
Wie auch immer – schaden tun sie dir bestimmt nicht. Wenigstens das!
Ich selber bin jedoch überzeugt, dass sie im Gegenteil sehr viel Gutes bewirken – weit mehr, als man denkt.
Darum möchte ich dir sagen, dass ich deiner gerne im Gebet gedenke und dich von Herzen segne.
Ich grüße dich und wünsche dir alles Gute.
Pater Angelo
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