Frage

Guten Abend Pater,

ich hoffe, ich nehme Ihnen nicht zu viel Zeit und versuche deshalb, mich kurz zu fassen.
Mir ist etwas passiert, das mein Leben und mein Herz erschüttert hat. Ich bin seit sechs Jahren mit einem Mädchen zusammen, und in ein paar Monaten wollten wir heiraten. Vor sechs Monaten hat sie mich betrogen. Sie hat mir -auf mein Drängen hin- alles erzählt.
Sie sagt, sie wisse selbst nicht, warum sie es getan hat, aber diese Antwort genügt mir nicht … in meinem Kopf ist da immer nur eine Frage: Warum?
Wir haben uns so sehr geliebt, unsere Augen haben geleuchtet, wenn wir uns ansahen – doch nun scheint all diese Magie verflogen, wie ausgelöscht.
Ich versuche Schritt für Schritt, ihr zu vergeben, auch wenn es Tage gibt, an denen ich das Gefühl habe, zusammenzubrechen und alles hinschmeißen zu wollen …
Sie kann sich selbst nicht vergeben, und gerade deshalb fällt es ihr schwer, ihre Liebe vollkommen zu schenken. Oft zieht sie sich zurück und tut sich schwer, darüber zu reden.
Meine größte Angst ist, dass wir in die Ehe gehen, ohne wahre Freude im Herzen … und das wünsche ich mir auf keinen Fall.
Ich bete zu Jesus und zur Muttergottes, dass sie uns helfen, die negativen Gedanken zu vertreiben, die unser Glück im Innersten behindern…


Antwort des Priesters

Lieber Besucher,

  1. Der Betrug deiner Freundin ist eine äußerst schwerwiegende Angelegenheit.
    Wenn so etwas schon vor der Ehe geschieht, in der Zeit der starken Verliebtheit – was wird dann erst später geschehen, wenn die Flitterwochen vorbei sind?
    Wie kann man ein Haus (die Ehe) auf einem Fundament errichten, das bereits wackelt und brüchig ist (Untreue vor der Ehe)?
  2. Wenn sich ein Ehepartner innerhalb der Ehe betrogen fühlt, hat er das Gefühl, dass das ganze Haus über ihm zusammenbricht. Und nicht selten fehlt ihm dann die Kraft, den Dialog wieder aufzunehmen.
    Was soll man aber sagen, wenn so etwas bereits vor der Ehe geschieht – zu einem Zeitpunkt, an dem schon über die Hochzeit gesprochen wird und das Datum bereits feststeht?
  3. Ich weiß nicht, ob ein paar Monate ausreichen werden, um die volle Harmonie wiederherzustellen und dir die Freude zurückzugeben, mit ganzem Herzen in die Ehe zu gehen.
    Eines sollte dir aber bewusst sein: Du darfst nicht heiraten, nur weil du Angst hast, all das zu verlieren, was du bisher an Kraft, Gefühlen und Geld investiert hast – wenn du innerlich nicht wirklich überzeugt bist.
  4. Ich würde dir raten, nur dann wieder mit ihr zusammenzukommen, wenn eine tiefgehende Veränderung stattgefunden hat.
    Aber ich weiß nicht, ob sich diese in ein paar Monaten entwickeln kann. Es könnte sich nur um ein Strohfeuer handeln.
  5. Dennoch möchte ich noch einige weitere Überlegungen hinzufügen.
    Vielleicht liegt die Schuld nicht nur bei deiner Freundin.
    Denn wenn man in der Beziehung schon sexuellen Kontakt hat, gewöhnt man sich gegenseitig daran, sich jemandem hinzugeben, der einem eigentlich nicht gehört.
    Hier werden oft die Voraussetzungen für viele eheliche und vor-eheliche Untreuen gelegt, die am Ende alles kaputtmachen.
  6. Außerdem sind diese Beziehungen, obwohl sie als Liebesbeziehungen bezeichnet werden, in Wirklichkeit keine echte Liebe, weil man sich nicht vollständig in gegenseitiger Hingabe und Selbstaufopferung einbringt, wie es in der Ehe mit der Geburt der Kinder geschieht.
    Gerade weil man sich nicht ganz hingibt, hört dieser Akt auf, echte Liebe zu sein, und wird zur verzweifelten Suche nach Befriedigung, getarnt unter dem Vorwand, dass man dem anderen eine großzügige Freude macht.
    Tatsächlich hilft man dem anderen nur dabei, sich noch mehr in die egoistische Suche nach Lust zurückzuziehen und nur so zu tun, als würde man sich hingeben.
    Wenn das mit deiner Freundin passiert ist, liegt ein Teil ihrer Unreife auch an dir.
    Auf jeden Fall ist das keine gute Ausrede, um in relativ kurzer Zeit zu heiraten.
    Es gibt viel wiedergutzumachen, und ein paar Monate, in denen man eh schon mit unzähligen Vorbereitungen für die Feier beschäftigt ist, sind einfach zu kurz.
  7. Wenn der Betrug jedoch passiert ist, obwohl ihr beide euch ehrlich und bewusst vorgenommen hattet, bis zur Ehe enthaltsam zu leben, wird die Sache noch komplizierter.
    Eine Verlobte sollte stolz und froh sein, jungfräulich in die Ehe zu gehen und ihrem zukünftigen Ehemann sagen zu können:
    „Meine Jungfräulichkeit ist ein Zeichen meiner Reife. Sie ist das sichtbare Zeichen meines Treueversprechens und Ausdruck der großen Liebe, die ich für dich empfind, denn ich habe meinen Körper für niemanden entweiht, ihn rein und unberührt bewahrt, um ganz dir zu gehören und nur von dir besiegelt zu werden.
  8. Versucht jetzt, eure Beziehung mit echter innerer Tiefe neu anzugehen – und nehmt euch ganz bewusst vor, enthaltsam zu leben.
    Nur die Enthaltsamkeit gibt euch die nötige Klarheit, um ehrlich und in Ruhe zu erkennen, ob eure Beziehung wirklich echt und gereift ist.
    Nur wenn ihr in der Enthaltsamkeit lebt, könnt ihr Wege entdecken, euch aufrichtig und treu – für immer – zu lieben.
    Betet viel und nehmt regelmäßig an den Sakramenten teil – sie sind eine außergewöhnliche Quelle innerer Reinigung und Heilung.

Ich versichere dir mein Gebet und segne dich.
Pater Angelo

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