Frage
Lieber Pater Angelo,
es ist das zweite Mal, dass ich Ihnen schreibe, denn ich habe Zweifel bezüglich des Verhaltens von uns Christen im aktuellen Zeitalter.
Ich habe den Eindruck, man hat vergessen, dass Jesus wirklich der wahre Gott ist und kein einfacher Mensch, der gegenseitige Liebe und die bedingungslose Vergebung der Sünden predigt.
Mir ist aufgefallen, dass Menschen oft dazu neigen, alles zu rechtfertigen, was sie von der Heiligen Schrift nicht verstehen oder was sich nur schwer mit unserer Lebensweise vereinbaren lässt, indem sie sagen, dass Gott Güte ist, allen vergibt und wir uns auf bestimmte Dinge nicht einlassen sollten.
Ich denke an den Verlust Jesu im Tempel, wo Er zu Maria und Josef sagte: “Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte.” Uns wird gesagt, dass sie es nicht verstanden, aber die Worte annahmen, weil es Gott war, der zu ihnen sprach.
Ich frage mich, ob ich falsch liege bei dem Gedanken, dass das Wort Gottes respektiert werden muss, selbst wenn uns etwas unverständlich erscheint. Oder ist diese Vorstellung das Ergebnis der Säkularisierung?
Vielen Dank für die vorherige Antwort und die von Ihnen gehaltene Rubrik, die ich sehr nützlich und lehrreich finde. Ein Dankeschön im Voraus auch für die diesmalige Antwort auf meine Frage.
Ich wünsche Ihnen einen schӧnen Tag und werde für Sie beten.
Antwort des Priesters
Liebe Besucherin,
1. ich stimme dir weitgehend zu.
Ich weiß nicht, ob der grundlegende Fehler darin besteht, Jesus Christus auf einen guten Mensch zu reduzieren. Natürlich ist das auch wahr.
Meines Erachtens haben wir jedoch das Ziel aus den Augen verloren, für das Gott uns geschaffen hat, für das Er Mensch geworden ist und uns erlöst hat, nämlich die Heiligkeit des Lebens.
2. Der Heilige Vater,. Papst Johannes Paul II. hat in den grundlegenden Punkten der christlichen Verkündigung für das dritte Jahrtausend der Kirche (sieben Punkte wurden erwähnt ) zu Recht daran erinnert, dass an erster Stelle die Heiligkeit steht.
Das Apostolische Schreiben, in dem er darüber geschrieben hat, nennt sich Novo millennio ineunte. Er hat es zum Abschluss des Großen Jubiläums 2000 verfasst. Es trägt das Datum 7. Januar 2001.
3. Es ist das Ziel der Heiligkeit, das den christlichen Weg bestimmt.
Angesichts dieses Ziels ist es leicht zu verstehen, was dabei hilft, es zu erreichen, und was einen eher vom Weg abbringt.
Die christliche Moral ist nicht einfach eine Sammlung von Geboten und Verboten.
Sie hat ein ganz bestimmtes Ziel. Dieses Ziel nicht zu verfolgen ist dasselbe wie es zu verfehlen.
Interessant ist, in Erinnerung zu rufen, dass Sünde (auf Griechisch amartìa) in der Heiligen Schrift genau diese Bedeutung hat.
4. In diesem Brief sagte Johannes Paul II., dass sich unsere christlichen Gemeinden vor allen Menschen durch eine Pädagogik der Heiligkeit auszeichnen sollen.
Jeder, auch die Fernen oder Angehörigen anderer Religionen, sollte beim Betrachten unserer Gemeinschaften und unserer Kirchen sofort verstehen können, dass sie dort gelehrt werden, Heilige zu werden.
Leider wird diese Vorstellung der Kirche nicht nur von denen, die fern sind, nicht wahrgenommen, sondern sehr oft nicht einmal von denselben Mitgliedern der Kirche!
Die Pastoralpläne scheinen sich mit etwas anderem zu befassen.
Der Hl. Johannes Paul II. schrieb hingegen: “Ohne Umschweife sage ich vor allen anderen Dingen: Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit.“(…).
Der Hinweis auf die Heiligkeit bleibt mehr denn je ein dringendes Desiderat der Pastoral” (NMI, 30).
5. Zur Erlangung der Heiligkeit ist es natürlich notwendig, im Zustand der Gnade Gottes zu leben.
Um Heilige zu werden, reicht es nicht aus, vor der Welt gut und recht zu sein.
Stattdessen ist es notwendig, in der Gnade Gottes zu leben.
Aus diesem Grund sprach Johannes Paul II. in diesem Dokument vom Primat der Gnade.
Der Gnadenzustand ist der Ausgangspunkt. Denn alles, was nicht im Stand der Gnade vollbracht wird, so gut es auch sein mag, bringt keine Früchte für das ewige Leben. Jesus hat gesagt: “Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12,30).
6. Zur Heiligkeit bedarf es der ständigen Reinigung, die auch durch das Bußsakrament geschieht.
Durch die Beichte bleibt man in der Pädagogik der Heiligkeit. Aber das nicht durch eine, hin und wieder abgelegte, Beichte, sondern durch die regelmäßige und häufige Beichte. Auf diese Weise wird sie zu einem konstanten und unverzichtbaren Bezugspunkt.
In der Beichte wird nämlich die Todsünde beseitigt und die Gnade wiederhergestellt.
Und wenn es keine schweren Sünden gibt, sondern nur lässliche, bleibt die Beichte immer gleicherweise von großer Wirksamkeit in Bezug auf die Heiligkeit. Dies bezeugt die Tatsache, dass die Heiligen ganz häufig beichteten.
Die Beichte ist immer eine große Quelle weiterer Läuterung und Heiligung.
7. Und so verspürt man im Hinblick auf die Heiligkeit auch das Bedürfnis des wöchentlichen oder falls möglich sogar täglichen Empfangs der Eucharistie, wie der heilige Franziskus von Assisi bezeugte.
Im Hinblick auf die Heiligkeit ist auch das Gebet von entscheidender Bedeutung, ohne das man wie ein Fisch ohne Wasser ist.
Und so verstehen wir auch die Dringlichkeit von heiligen Berufungen: von heiligen Priestern und von Menschen, die sich im Ordensleben dem Herrn weihen, wie Mutter Teresa von Kalkutta oder die heilige Theresia vom Kinde Jesu.
Mit dem Wunsch, dass du die Erste bist, die dieses Verlangen nach Heiligkeit, dem Endziel des Lebens aller Menschen, bezeugen kann, erwidere ich gern dein Gebet und segne dich.
Pater Angelo
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