Guten Tag,  Padre Angelo,
ich danke Ihnen für den reichhaltigen, spirituellen Dienst, den Sie uns anbieten;  jede, von Ihnen beantwortete Frage behandelt sehr unterschiedliche Themen, die auf verschiedene Art und Weise, jeden Menschen charakterisieren und es uns ermöglicht, all unsere hilfebedürftigen Brüder und Schwestern, sowie die Lehre der Kirche, in dessen Namen Sie uns antworten, besser kennen zu lernen.
In der heutigen Lesung (22. August 2019) aus dem Buch der Richter steht geschrieben: Da kam der Geist des Herrn über Jiftach und Jiftach zog durch Gilead und Manasse und er zog nach Mizpa in Gilead und von Mizpa in Gilead zog er gegen die Ammoniter.  Iftach legte dem Herrn ein Gelübde ab und sagte: “Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Hand gibst  und wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll, was immer mir aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem HERRN gehören und ich will es als Brandopfer darbringen”.
Und das brachte mich dazu, über die Gelübde nachzudenken, die man in seinem Leben gelegentlich ablegt.

Tatsache ist, dass es besser wäre, keine Gelübde zu tun, sollte man nicht in der Lage sein, sie zu halten, so wie es im Kohelet steht: Wenn du Gott ein Gelübde machst, dann zögere nicht, es zu erfüllen! Die Ungebildeten gefallen Gott nicht: Was du gelobst, erfülle! Es ist besser, wenn du nichts gelobst, als wenn du etwas gelobst und nicht erfüllst.
Allerdings ist es auch wahr, dass solche Gelübde nur im Verhältnis zu unseren Kräften und im Einklang mit den eigenen Talenten gefragt sind: Macht Gelübde und erfüllt sie dem Herrn, eurem Gott!  (Ps. 76,12).
Des weiteren: Wenn ein Mann dem Herrn ein Gelübde ablegt oder einen Eid schwört und sich zu einer Enthaltung verpflichtet, dann darf er sein Wort nicht brechen; genauso, wie er es ausgesprochen hat, muss er es ausführen.(4.Mose 30,3).
Daher erscheint es mir für das christliche Leben notwendig, diese Gelübde abzulegen und zu halten.
Außerdem habe ich gelesen, dass, wenn man nicht in der Lage ist, sie zu halten, der Beichtvater sie in persona Christi  auflӧsen kann.  Kӧnnen diese Gelübde denn auch privat direkt Gott gegenüber abgelegt werden?  Können Sie uns etwas über diese Hingabe erzählen, die so alt ist wie die Kirchenväter? Wie haben es unsere Großeltern erlebt?
Ich möchte auch, anhand einiger Beispiele von Heiligen, wissen, worin diese Gelübde bestehen können. In Almosen? Oder, was wäre denn für einen Studenten ein gutes Gelübde an den Herrn?
Ich bedanke mich noch einmal sehr herzlich für Ihren Dienst, bleibe mit Ihnen und unserer Mutter Kirche im Gebet vereint und wünsche Ihnen alles Beste.
Stefano


Lieber Stefano,
1. Alles, was du geschrieben hast, ist (zumindest inhaltlich) korrekt.
A propos Jiftahs Gelübde, von dem du mir erzählst, hatte ich bereits in der Vergangenheit Gelegenheit gehabt, an das Denken des Heiligen Thomas’ zu erinnern.
Das ist Jiftahs Gelübde: “Jiftach legte dem Herrn ein Gelübde ab und sagte: Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Hand gibst  und wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll, was immer mir aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem HERRN gehören und ich will es als Brandopfer darbringen” (Ri. 11,30-31).

2. So kommentiert der Hl. Thomas: “Das konnte einen schlechten Ausgang haben, wenn ihm, aus seinem Hause heraus, ein Esel oder ein Mensch zuerst entgegentrete: lebende Wesen nämlich, die man Gott nicht opfern durfte: was genau eintritt.
Deshalb sagt Hieronymus (I con. Jovin):” Sein Gelübde war töricht und unklug; die Erfüllung desselben gottlos.” (Summe der Theologie, II-II, 88, 2, ad 2)

3. Er war töricht, denn es hätte ihm vielleicht ein für unrein gehaltenes Lebewesen entgegenkommen kӧnnen, wie ein Hund, der nicht als Brandopfer dargebracht werden konnte.
Oder es hätte ihm wohl auch ein Mensch entgegenkommen kӧnnen.  Doch hatte Gott verboten, dass Menschen als Brandopfer dargebracht wurden, so wie es in den heidnischen Religionen passierte. 
Diesmal kam Jiftach seine Tochter entgegen, seine einzige Tochter.
Aus diesem Grund sagt der Hl. Hieronymus, dass er töricht war, weil er das Gelübde nicht mit dem richtigen Urteilsvermӧgen formuliert hatte. Und gottlos im Erfüllen des Gelübdes.

4. Aus diesem Grund ist es bei der Abgabe eines Gelübdes immer ratsam, es der Beurteilung des Beichtvaters zu unterziehen, um sich nicht zu übernehmen und dann nicht in der Lage zu sein, es zu erfüllen.  

5. Die einzige Ungenauigkeit in deinem Brief: “Außerdem habe ich gelesen, dass, wenn man nicht in der Lage ist, sie zu halten, der Beichtvater sie in persona Christi auflӧsen kann”.
Gerade weil die Kirche will, dass die Gelübde mit der richtigen Erkenntnis  abgelegt werden, braucht sie zur eventuellen Befreiung nicht nur die Beurteilung des Beichtvaters sondern auch die des Pfarrers. 

Normalerweise sind die einzelnen Menschen dem Priester besser vertraut als dem Beichtvater, der auch völlig fremd sein kӧnnte. 

6. Du hast mich dann noch darum gebeten, über diese bekannte Praktik zu sprechen, die  bereits von unseren heiligen Kirchenvätern herrührt.
Um ehrlich zu sein, wurden Gelübde auch schon von Menschen des Alten Testaments, wie Jakob und Anna, abgelegt, die  keine Christen sondern Juden waren.
Zum Beispiel verspach Jakob, Gott ein Haus in  Bethel zu errichten und Ihm ein Zelt zu geben, wenn ihm eine sichere Rückkehr zu seinem Vaterhaus gewährt werden würde  (1. Mose 28,20-22).
Anna versprach, den Sohn zum Tempel zu bringen, wenn sie die Gnade der Mutterschaft empfangen hätte (1 Sam. l,l0 u.ff.).
Im Alten Testament und insbesondere im Apg. 18,18 spricht man von der Erfüllung eines Gelübdes von Seiten des Hl. Paulus.  

7. Jede gute Tat kann Gegenstand eines Gelübdes werden. Klar ist, dass man Gott nur versprechen kann, was Ihm gefällt. 

Es hätte also keinen Sinn, ein Gelübde ablegen zu wollen, in dem man Sünde begeht, weil man Sonntags nicht den Gottesdienst besucht.

Es wäre dumm etwas zu versprechen, worüber sich der Interessierte gar nicht freut.

Ich wünsche dir alles Gute, schließe dich in mein Gebet ein, und segne dich.
Padre Angelo

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