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Frage

Lieber Padre Angelo Bellon,

wie schafft man es, unseren Nächsten nicht zu verurteilen?

Manchmal treffen wir auf Menschen, die aufgrund ihrer Art und ihres Verhaltens praktisch wie offene Bücher für uns sind,  so dass wir dazu neigen, über sie Urteile zu fällen mit Sätzen wie:” Diese Person ist ein Schlaumeier”, diese andere “ein abgefeimter Dieb”, ein anderer wiederum “hat den Anschein eines Heuchlers oder Schmeichlers, der sich uns nur zuwendet, um für sich Vorteile zu gewinnen” oder hingegen ”Diese andere ist eine anständige Person, geradlinig und ohne Hintergedanken”.

Kurzum, wenn der liebe Gott uns den Verstand gegeben hat, damit wir ihn zum Abwägen, Überlegen, Unterscheiden und Folgern gebrauchen, wie kann man ihn dann gegebenenfalls “deaktivieren”, um nicht Gefahr zu laufen, andere zu verurteilen?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass wir nicht darum herumkommen, über andere Menschen gewisse Urteile zu fällen und uns oft selbst wie ein Heuchler aufführen, um mit allen Mitteln den angestrebenen  Zustand des “guten Denkens” rechtfertigen zu können.

Meine Bedenken sind im Hinblick auf die vielleicht zu drastische und radikale  Interpretation, seitens der Theologen, gewisser Gebote und evangelischer Verbote.

Vielleicht ist Jesus in seinen Gleichnissen und Lehren auf Einzelheiten und Erklärungen eingegangen: Einzelheiten, die uns jedoch die Evangelisten (zB Matthäus) nicht überliefert haben.

Vielen Dank für Ihre eventuelle Antwort. Ich schließe Sie immer in mein Gebet ein.

Enzo


Antwort des Priesters

Lieber Enzo,

1. es stimmt, der Herr hat uns die Vernunft gegeben, und das Wirken unserer Vernunft drückt sich vor allem in Urteilen aus.

Schon früh morgens fangen wir damit an, zu beurteilen, wie das Wetter ist und entscheiden das weitere Vorgehen.

Daher kann es nicht sein, dass der Herr uns verboten hat, die Aktivität der Vernunft zu nutzen, insbesondere wenn man bedenkt, dass er uns nach Seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat, indem er uns mit der Vernunft ausgestattet hat.

2. Die Heilige Schrift erinnert daran, dass die Apostel selbst auch Urteile ausgesprochen haben.

Der heilige Paulus urteilt über den inzestuösen Täter von Korinth und stößt ihn aus der Gemeinschaft aus.

Petrus beschuldigt Hananias und Saphira der Lüge.

Jesus selbst begründet den Ausdruck:”Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!” (Mt 7,1) mit: “ Urteilt nicht nach dem Augenschein, sondern urteilt gerecht!” (Joh 7,24).

3. Daher führe ich dir einen maßgeblichen Kommentar vor, den des hl. Thomas von Aquin, der diesem Gebot Gottes fünf Bedeutungen zuschreibt.

Ich übersetze es für dich ins Italienische:

“Zuerst befiehlt Jesus, keine leichtsinnige Urteile zu fällen, und dafür sagt er: “Richtet nicht…”, gemeint ist, mit Hass und Bitterkeit: in Amos 6,12 liest man: “Ihr aber habt das Recht in Gift verwandelt und die Frucht der Gerechtigkeit in bitteren Wermut”.

4. Oder der Herr sagt „Richte nicht“ in Bezug auf Dinge, die nicht unserem Urteil unterliegen.

Das Urteil steht nur Gott zu.

Uns hat Er die Beurteilung von Äußerlichkeiten anvertraut, während Er das Urteil Innerlichkeiten für sich behielt.

Also verurteilt sie nicht: “Richtet also nicht vor der Zeit” (1 Kor 4,5); 

“Arglistig ohnegleichen ist das Herz und unverbesserlich. Wer kann es ergründen? (Jer 17,9). Niemand verurteile nämlich jemanden, indem er ihn für einen schlechten Menschen hält: im Zweifelsfall  muss etwas immer positiv interpretiert werden.

5. Gleichermaßen muss das Urteil auf die Person, die urteilt, abgestimmt sein.

Wenn sich diese also in derselben Sünde oder in einer größeren Sünde befindet, darf sie nicht urteilen; denn der hl. Paulus schreibt: “Darum bist du unentschuldbar – wer du auch bist, o Mensch – , wenn du richtest. Denn worin du den andern richtest, darin verurteilst du dich selbst, weil du, der Richtende, dasselbe tust”  (Röm 2,1). 

6. In gleicher Weise ist den Prälaten das Gericht nicht verboten, jedoch nur in Bezug auf deren Untertanen, denen wiederum jegliches Urteil vorenthalten ist.

7. Für den hl. Johannes Chrysostomus ist der Begriff “richtet nicht”, im Zusammenhang mit dem Urteil aus Rache zu verstehen. Wenn ihr also vergebt, werdet ihr nicht gerichtet; wahrlich wegen der Barmherzigkeit wirst du Barmherzigkeit finden” (hl. Thomas, Kommentar zum Evangelium nach Matthäus, 7,1).

Ich grüße dich, schließe dich in mein Gebet ein und segne dich.

Padre Angelo