Frage
Lieber Pater Angelo,
ich schreibe Ihnen bezüglich eines Vorfalls, der mir in letzter Zeit widerfahren ist: Es ist für jeden offensichtlich, dass Nacktheit und Sexualität in allen Medien immer ungenierter dargestellt werden. In den vergangenen Monaten bin ich jedoch zweimal in Situationen geraten, die mich sehr irritiert und sehr ratlos zurückgelassen haben.
Der erste Vorfall betrifft eine der bekanntesten amerikanischen Fernsehserien der letzten Jahre, über die ich von vielen Freunden – sowohl gläubigen als auch nichtgläubigen – nur Gutes gehört hatte. Als ich schließlich die Gelegenheit hatte, eine Folge zu sehen, war ich fassungslos: Es gab nicht nur völlige Nacktheit und explizite Dialoge, sondern auch deutlich sichtbare sexuelle Handlungen. Als ich meinen Freunden sagte, dass es sich – zumindest nach meinen Maßstäben – um einen Porno handle, entgegneten sie, die Handlung sei sehr gut, die schauspielerischen Leistungen hervorragend, in den neueren Staffeln habe man die entsprechenden Szenen etwas reduziert, und sie würden die Serie ja nicht wegen des „erotischen“ Inhalts schauen. Was mich verunsichert, ist die Gelassenheit, mit der sie darüber sprechen und die Serie Freunden oder Partnerinnen weiterempfehlen, ohne dass der deutlich vorhandene sexuelle Inhalt überhaupt erwähnt wird. Wie soll ich mich ihnen gegenüber verhalten, außer darauf hinzuweisen, dass diese Serie unmoralisch ist? Oder ist es heutzutage wirklich völlig normal, eine solche Serie „nur wegen der Handlung“ zu schauen?
Der zweite Vorfall betrifft ein bekanntes erotisches Buch, das in den letzten Jahren großen Erfolg hatte: Nicht nur wird mir von vielen Seiten nahegelegt, es unbedingt zu lesen – besonders überrascht hat mich jedoch, dass sogar die örtliche Bibliothek, die regelmäßig Buchempfehlungen per E-Mail verschickt, es mir zur Lektüre vorgeschlagen hat. Dabei habe ich dort nie „Bücher für Erwachsene“ ausgeliehen und auch nie darum gebeten, entsprechende Inhalte zu erhalten.
Ich werde diesen Vorfall sicher melden, frage mich jedoch, wie es dazu kommen konnte, dass die Sensibilität für solche Themen völlig verloren gegangen ist.
Ich danke Ihnen nochmals herzlich für Ihre Rubrik und hoffe, dass Sie dieses großartige Werk noch lange fortführen können.
Für Ihre Antwort danke ich Ihnen im Voraus.
Mit freundlichen Grüßen
Giovanni
Antwort des Priesters
Lieber Giovanni,
- Der heilige Thomas von Aquin stellt sich die Frage, wem die Scham eigentlich zukommt, und erklärt entschieden, dass Sünder, die in Sünden verstrickt sind, keine Scham empfinden, weil sie so sehr Sklaven ihrer Laster sind, dass sie sich sogar dessen rühmen, dessen sie sich eigentlich schämen sollten.
“Ich antworte, die Verschämtheit sei Furcht vor Schändlichem. Daß nun ein Übel nicht gefürchtet wird, kommt einmal daher, daß es für kein Übel gehalten wird; und dann daher, daß es nicht als schwer zu vermeiden gilt. Demnach also schämen sich nicht 1. die im Schändlichen durchaus begrabenen, denn sie halten dasselbe nicht mehr für ein Übel, sondern rühmen sich vielmehr dessen; — 2. die Greise und die tugendhaften; denn sie erfassen das Schändliche nicht als etwas ihnen Mögliches oder als etwas schwer zu Vermeidendes; jedoch sind sie in einer solchen innerlichen Verfassung, daß, wenn etwas Schändliches in ihnen wirklich sich fände, sie sich auf Grund dessen schämen würden” (Summe der Theologie, II-II, 144, 4). - Wir befinden uns heute in einer Gesellschaft, die weithin in Sünde und Unanständigkeit versunken ist.
Trotzdem bleibt niemand, selbst nicht hartgesottene Sünder, völlig unberührt angesichts bestimmter Szenen.
Gerade diese Szenen prägen sich am stärksten ins Gedächtnis ein, weil sie mit sinnlichem Vergnügen verbunden sind.
Wer jedoch durch ein inneres Leben und durch den Stand der Gnade die Gegenwart Gottes bewahrt, weiß, wie sehr solche Szenen einem innerlich etwas rauben können. - Wahrscheinlich sind viele deiner Freunde so sehr an derartige Darstellungen gewöhnt und vor allem daran, sie selbst zu praktizieren, dass sie sich weder für das, was sie sehen, noch für das, was sie sagen oder hören, schämen.
In diesen Fällen bin ich sicher, dass man sagen kann: Es ist nur noch wenig oder sogar gar kein inneres Leben vorhanden und vor allem kaum – wenn überhaupt – ein Leben in der Gnade. - Auch für das, was wir sehen, was wir lesen und was wir hören, sollten wir dieselbe Sorgfalt walten lassen wie für unseren Körper. Schon etwas Verdorbenes in einem ansonsten gesunden Lebensmittel bekommt uns meist nicht gut; der Körper reagiert darauf, mitunter sogar mehrere Tage lang.
So ist es auch im geistlichen Leben und im Leben der Gnade – sofern man es besitzt.
Denn wer dem Leben der Gnade abgestorben ist, nimmt nichts mehr wahr!
Mir ist ein Vers aus der Göttlichen Komödie, den ich noch aus dem Gymnasium kenne, bis heute im Gedächtnis geblieben: „O würdiges und reines Gewissen, wie bitter ist dir schon ein kleiner Fehltritt!“ (Purgatorium, III. Gesang, V. 7–8).
Ein guter Film fesselt durch seine Handlung und stört – selbst ohne großen inhaltlichen Anspruch – keinen noch so kleinen Winkel des eigenen Inneren. - Es ist notwendig, gut ausgerüstet zu sein, um seine eigene Innerlichkeit zu schützen.
Der Herr hat uns zur Wachsamkeit aufgerufen und dazu, klug zu sein wie die Schlangen (Mt 10,16).
Keuschheit und Reinheit der Seele bleiben nicht von selbst erhalten, sondern verlangen stets Selbstdisziplin in Sinnen und Geist.
Ich wünsche dir alles Gute, gedenke deiner im Gebet und segne dich.
Pater Angelo
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