Frage

Sehr geehrter Pater Angelo,

Ich heiße Massimiliano und möchte Ihnen ein paar Fragen stellen, die mir, trotz meiner soliden kirchlichen Mitgliedschaft, bisher kein Priester zufriedenstellend beantworten konnte.

Meine Fragen beziehen sich auf die “Natur” von Jesus und das Ende der Zeiten.

1) Jesus Christus, als wahrer Gott und wahrer Mensch, kann nicht allein auf die Menschheit beschränkt werden. Obwohl sichtbarer Mensch, war er doch anders als die anderen Menschen. Das heißt, er hatte eine Realitätswahrnehmung, die “anders” war als jene anderer Menschen, und ein Gespür, das heißt eine Fähigkeit, Schmerzen, Emotionen und Gefühle zu empfinden, das stärker ausgeprägt war als bei Anderen.

Von daher ist der Unterschied zwischen Jesus und den Menschen ontologischer Art.

Ist das richtig?

2) Wenn wir Kinder Gottes und Miterben Christi sind, bedeutet das, dass die menschliche Natur sich verändert hat und die göttliche Natur eingenommen hat? Ich persönlich glaube das nicht, aber einige Glaubensgenossen behaupten, wir seien kleine Götter.

Was sagen Sie dazu?

3) im eschatologischen Sinne, hat mich die vom Prophet Daniel vorgestellte Figur des “Menschensohnes” immer beeindruckt: «Immer noch hatte ich die nächtlichen Visionen: Da kam mit den Wolken des Himmels / einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten / und wurde vor ihn geführt.» (Dan 7, 14)

Wer ist dieser Menschensohn?

Könnte es nicht Jesus sein?

Kann es nicht ein, mit der Erbsünde geborener Mensch sein, der auf geheimnisvoller Weise, durch das Wirken des Heiligen Geistes, den sündlichen, menschlichen  Zustand aufgibt, um den göttlichen Zustand des Jesus einzunehmen?

Jesus, der auf den Wolken des Himmels zurückkommt, um endgültig sein Königtum als Herr des Kosmos und der Erde und als Bräutigam der Kirche in Besitz zu nehmen?

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

In Christus

Massimiliano


Antwort des Priesters

Lieber Massimiliano,

1. Was Jesus Christus betrifft, darfst du nicht vergessen, dass die Person Jesus eine göttliche Person ist.

Jesus ist Gott, der Fleisch geworden ist.

Der durch Jesus fleischgewordene Gott hat eine, bis auf den ungeordneten Neigungen und Sünden, uns identische menschliche Natur  angenommen. Dem ontologischen Profil nach ist seine menschliche Natur daher nicht anders als unsere.

2. Allerdings ist, aufgrund seines uns unendlich überlegenen Wissens, seine Weise Emotionen zu erleben, nicht mit unserer identisch.

In der oberen Hälfte seiner Seele genoss er die beseligende Vision.

In der unteren Hälfte hingegen empfand er den Schmerz der Sünden und nahm Anteil an das menschliche Leid auf weit höherer Weise als die gesamte Menschheit.

Das ist die Lehre des hl. Thomas.

Aus diesem Grund ist die Anteilnahme Jesus an das menschliche Leid unter qualitativen Gesichtspunkten unendlich größer als unsere aber ontologisch gesehen, ist sie unserer Natur gleich. Da sie immer eine menschliche Natur bewahrt.

3. Kinder Gottes und Miterben Christi zu sein, bedeutet nicht, dass die menschliche Natur sich verändert hat und so wie die göttliche geworden ist.

Unsere Natur bleibt immer die menschliche. Wir bleiben Menschen.

Aber Gott lässt uns an sein Leben Anteil nehmen.

Deshalb werden wir nicht zu Gott.

Wir bleiben Menschen, die an der göttlichen Natur teilhaben.

Erlaube mir diesen Vergleich: wenn ein kaltes Eisen ins Feuer gelegt wird, ist zunächst das Eisen im Feuer. Bald jedoch wird es rotglühend, und dann kann man mit Recht sagen: das Feuer ist nun auch im Eisen, aber das Eisen bleibt dennoch Eisen.

4. Das ist was passiert, obwohl in der Heiligen Schrift die Kinder Gottes auch als Götter bezeichnet werden.

Darauf bezieht sich Jesus, als er den Juden mit den folgenden Worten antwortete: “Heißt es nicht in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter? Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann, dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott – weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?” (Joh. 10,34-36). 

5. Jener Menschensohn, von dem Daniel spricht, ist Jesus.

Aus diesem Grund wurde der Messias erwartet und Menschensohn genannt.

Jesus stellt sich mehrmals mit dieser Bezeichnung vor.

6. Dennoch ist es nicht richtig, was du hinzugefügt hast, das heißt, dass Jesus mit der Erbsünde geboren ist.

Du darfst nicht vergessen, dass die Person Jesus eine göttliche Person ist. Er ist Gott, der Mensch geworden ist.

Er hat eine, uns ähnlichen, menschliche Natur angenommen, die unter den Auswirkungen der Erbsünde leidet und dem Leiden und Tod unterzogen ist.

Aber seine Natur hatte keine ungeregelten Neigungen wie unsere.

Die Heilige Schrift sagt also: “Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.” (Hebr. 4,15)

7. Es ist also nicht richtig zu behaupten, dass Jesus die menschliche Natur verlassen hat, um die göttliche anzunehmen.

In seiner Passion, Auferstehung und glorreichen Himmelfahrt hat er immer die menschliche Natur behalten.

Der einzige Unterschied besteht darin, dass seine menschliche Natur jetzt glorreich ist und deswegen am Leben des Himmels teilnimmt und nicht mehr dem Leiden und dem Tod unterzogen ist.

8. Mit seinem Menschsein ist Christus in den Himmel aufgefahren.

Wahr ist hingegen, was du am Ende deiner Mail schreibst: Jesus wird auf den Wolken des Himmels zurückkommen, um sein Königtum als Herr des Kosmos und der Erde endgültig in Besitz zu nehmen.

Hierhin wird er als Mensch mit seinem Ruhm bedeckt zurückkommen, wie er sich im Voraus auf dem Berg der Verklärung zeigte.

Ich wünsche dir alles Beste, schließe dich in mein Gebet ein und segne dich.

Pater Angelo

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