Frage
Lieber Pater Angelo,
ich hätte gerne Ihre Meinung zum Thema voreheliche Lebensgemeinschaft.
Mir ist aufgefallen (besonders seitdem ich arbeite), dass es unter meinen Altersgenossen aber auch etwas Älteren, üblich ist, vor der Eheschließung einige Jahre zusammenzuleben, selbst bei denen, die katholisch erzogen worden sind und in der Vergangenheit oft sogar das Oratorium besucht hatten und aktiv am Gemeindeleben beteiligt waren.
Vor allem, sobald sie das Elternhaus verlassen, ist es dann nur noch eine Frage der Zeit, bis sie mit dem Partner zusammenziehen und es wirkt irgendwie komisch, zu heiraten, ohne vorher eine bestimmte Zeit zusammengelebt zu haben.
Nun, abgesehen, wie die Kirche darüber denkt und deren Standpunkt ich teile, muss ich doch gestehen, dass es einige Zweifel in mir weckt: Ist es wirklich so falsch, zusammenzuleben, obwohl mir diese Menschen vollkommen glücklich erscheinen, und durchaus die Absicht haben, die Ehe einzugehen?
Kann es sein, dass sie „schrittweise“ Gottes Ruf folgen, das heißt, nur allmählich erkennen, dass in ihrer Beziehung etwas fehlt, das nur Gott geben kann, und dass diese Situation der objektiven Sünde, in Wirklichkeit Teil ihres, von Gott begleiteten, Glaubensweges ist?
Einerseits würde ich sagen, dass durch die Barmherzigkeit Gottes alles zum Guten zusammenwirken kann, aber andererseits scheint dies etwas zu rechtfertigen, was nicht rechtmäßig ist. Damit meine ich, dass das freie Ausschließen von Gott aus dem Eheleben, so schlimm es auch sein mag, oft keine negativen Folgen zu haben scheint: es gibt glückliche Paare, die leben, als wären sie verheiratet, wenn sie sich dann dessen sicher sind, dass es funktioniert, heiraten sie und erhalten den Segen der Kirche: profitieren nicht alle davon?
Danke wie immer für diesen wertvollen Dienst!
E.
Antwort des Priesters
Liebe Besucherin,
1. der wichtigste Grund, warum das voreheliche Zusammenleben falsch ist, liegt in der Tatsache, dass es auf die sexuelle Erfahrung beruht, die vor der Ehe an sich schon verdorben ist.
Wir kommen zu dem Entschluss, zusammenzuziehen, wenn diese Erfahrung schon lange andauert, und daher tun wir vor aller Augen das, was wir zuvor verborgen gehalten haben.
Aber gerade die nicht gottgemäß gelebte sexuelle Erfahrung ist der Ursprung der Unsicherheit. Es ist nämlich nicht wahre Selbsthingabe. In vorehelichen Beziehungen und im vorehelichen Zusammenleben gibt man sich „in begrenztem Umfang“ hin. Das ist der Grund, der unsicher macht.
2. Hinzu kommt noch eine weitere Tatsache: indem sich die beiden vorzeitig und zu Unrecht hingeben, stecken sie ihre Ressourcen nicht in den Bau des eigentlichen Gebäudes, das ihre Ehe sicher macht. Die Rede ist vom spirituellen Gebäude, das aus dem Teilen einer Glaubens- und Lebenserfahrung besteht, das einzige, in dem es wahre Harmonie gibt, dasjenige, das uns dazu bringt, den anderen hoffnungslos zu lieben, weil wir ihn wie die Hälfte von uns selbst fühlen.
Das Zusammenleben versucht diesen Mangel irgendwie zu beheben, denn früher oder später kommen die Probleme zum Vorschein.
Gleichzeitig wird es jedoch durch die schlecht gelebte sexuelle Erfahrung, das heißt, durch die Empfängnisverhütung, verdorben.
3. Dabei ist dieser letzte Aspekt nicht zweitrangig, denn er legt den Grundstein für die Ehe, die andernfalls nicht in Keuschheit, also nach dem Gesetz Gottes, gelebt wird und nicht nur die Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung, sondern vor allem die Unfähigkeit, das persönliche und familiäre Leben in Christus aufzubauen und zur Heiligkeit emporzusteigen, als Folge hat.
Das ist das größte Übel der sexuellen Erfahrung, wenn sie nicht gottgemäß gelebt wird.
Die Verhütung und alles was damit einhergeht, ist nur die falsche Prämisse davon.
4. Dass manche Paare aus dem vorehelichen Zusammenleben in die Ehe übergehen, ist sicherlich eine positive Tatsache.
Aber es ist nicht das Zusammenleben als solches, das dies bewirkt.
Der Herr verlässt niemanden, nicht einmal Sünder, nicht einmal die Paare, die unehelich zusammenwohnen. Er klopft unaufhörlich an die Tür des Lebens eines jeden, um ihn zur Bekehrung zu führen.
Aber wie gesagt, es ist nicht das voreheliche Zusammenleben, das dies bewirkt. Es ist nur die Barmherzigkeit des Herrn, die in die Herzen herabsteigt, auch durch das Gebet vieler, die für diese Kinder Gottes, die das größte Abenteuer ihres Lebens, die Ehe, falsch beginnen, für sie beten, leiden und sich aufopfern.
5. Du erwähnst junge Leute, die zusammenziehen, obwohl sie in der Vergangenheit das Oratorium besuchten und am Kirchenleben teilnahmen.
Das ist schade. Aber noch bedauerlicher ist es zu wissen, dass in unseren Oratorien und Pfarrgemeinden, Reinheit und ein Leben in der Gnade Gottes manchmal nicht die gebührende Bedeutung erhalten.
Ich antworte dir heute, dem Tag, an dem zum ersten Mal das Gedenken an den seligen Papst Johannes Paul II. gefeiert wird. Nun, dieser Papst sagte, dass unsere christlichen Gemeinschaften von einer Pädagogik der Heiligkeit geprägt sein müssen, so dass alle, die sich ihr nähern, sofort verstehen, dass man dort eintritt und dort lebt, um Heilige zu werden.
6. Bei der Segnung der Hochzeit, segnet die Kirche nicht die Vergangenheit des Brautpaares, sondern sie segnet die Ehe, die in diesem Moment eingeweiht wird.
Und ich bin überzeugt, dass so manche, die vor der Ehe zusammengelebt haben, bei der Beichte vor der Eheschließung so gebet haben: “Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden”. Damit ist auch das Zusammenleben gemeint. Somit gelangen sie reumütig zur Eheschließung.
Infolgedessen hat die Kirche in dieser Situation keinen Grund, jemanden, der seinen Fehler erkannt und ihn wiedergutgemacht hat, von der Gnade des Sakraments auszuschließen,.
Ich bin dir dankbar, dass du mich auf dieses Problem aufmerksam gemacht hast.
Ich grüße dich, gedenke deiner im Gebet und segne dich.
Pater Angelo
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