Frage
Lieber Pater,
ich bin Theologe und Professor. Ich schreibe Ihnen, um Ihre Meinung einzuholen bezüglich einer Pastoral für homosexuelle Paare, um die uns der Heilige Vater bittet. Wo liegen die Grenzen?
Lorenzo S.
Antwort des Priesters
Lieber Lorenzo,
1. die Grenzen werden vom Lehramt der Kirche bestimmt.
Mit diesem Problem hat sich ein Dokument der Kongregation für die Glaubenslehre mit dem Titel Homosexualitatis problema (HP) vom 10.1.1986 befasst. Der Untertitel lautet: Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche zur Seelsorge für Homosexuelle.
2. Dort lesen wir gleich zu Beginn: “Das Problem der Homosexualität und der moralischen Beurteilung homosexueller Handlungen ist in zunehmendem Maße zu einem Thema der öffentlichen Debatte geworden, auch in katholischen Kreisen. Dass in dieser Diskussion oft Argumente vorgebracht und Positionen bezogen werden, die der Lehre der katholischen Kirche nicht entsprechen, hat die berechtigte Sorge all derer wachgerufen, die in der Seelsorge tätig sind” (HP 1).
3. Anschließend wird auf das Ziel hingewiesen, das aus pastoraler und theologischer Sicht zu beachten gilt.
Dieses Ziel ist die Heiligkeit.
Wenn man dieses Ziel nicht vor Augen hält, gerät die ganze Diskussion durcheinander und bleibt missverstanden.
Die Hauptaufgabe der Kirche besteht darin, die Menschen zu heiligen, sie zur Heiligkeit zu führen.
Auch die Pastoral, die die Kirche für homosexuelle Paare veranstalten will, darf nur dieses eine Ziel haben.
4. Gottlose Menschen, die nur das gegenwärtige Leben als Ziel haben, sind nicht in der Lage, der Kirche zu sagen, was sie tun soll, um homosexuelle Menschen zur Heiligkeit zu führen.
Das erwähnte Schreiben des Vatikans besagt “Nur innerhalb dieses Zusammenhangs lässt sich klar erkennen, in welchem Sinn das Phänomen der Homosexualität, so vielschichtig und folgenreich es für Gesellschaft und kirchliches Leben auch ist, ein Problem darstellt, das die pastorale Sorge der Kirche im eigentlichen Sinne betrifft” (HP 2).
5. Unmittelbar danach wird die Unterscheidung zwischen homosexuellen Handlungen und homosexueller Veranlagung erneut bekräftigt.
Zu Letzterem muss folgende Präzisierung vorgenommen werden: Die spezifische Neigung der homosexuellen Person ist zwar in sich nicht sündhaft, begründet aber eine mehr oder weniger starke Tendenz, die auf ein sittlich betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet ist.
Aus diesem Grunde muss die Neigung selbst als objektiv ungeordnet angesehen werden.
Deshalb muss man sich mit besonderem seelsorglichen Eifer der so veranlagten Menschen annehmen, damit sie nicht zu der Meinung verleitet werden, die Aktuierung einer solchen Neigung in homosexuellen Beziehungen sei eine moralisch annehmbare Entscheidung” (HP 3).
6. Dann wird in Erinnerung gerufen, was die Heilige Schrift über diese Art von Unordnung sagt, die eine Folge der Erbsünde ist. Sie bezieht sich auf die Geschichte von Sodom und Gomorra.
Nun, im Brief steht ausdrücklich geschrieben: “So setzt sich die der Sünde zuzuschreibende Entartung fort in der Geschichte von den Männern von Sodom (vgl. Gen 19, 1-11).
Das moralische Urteil, das hier gegen homosexuelle Beziehungen gefällt wird, kann keinem Zweifel unterliegen” (HP 6).
Das bleibt wahr – aus keinen anderen Grund als die Autorität des Dokuments – und über das hinaus, was die theologische Kommission über 1. Mose 19 und die Verurteilung Sodoms und Gomorras behauptet habe, als sie sagt, dass der Grund ein anderer gewesen sei und das gegen das, was die ganze Heilige Schrift sagt, wenn sie sich auf diese Geschichte bezieht.
Dies gilt – allein schon wegen der Autorität des Dokuments – über das hinaus, was die Theologische Kommission in einem ihrer Dokumente angegeben hätte, das Gn 19 und die Verurteilung von Sodom und Gomorra einem anderen Grund zuschreibt, entgegen dem Gefühl der Heiligen Schrift.
7. Die Pastoral für homosexuelle Menschen muss ihnen einerseits absoluten Respekt aussprechen und jede Misshandlung ablehnen, der sie ausgesetzt sein könnten, muss aber vor allem vermeiden, die Person aufgrund ihrer sexuellen Orientierung einzustufen.
“Die menschliche Person, die nach dem Abbild und Gleichnis Gottes geschaffen ist, kann nicht adäquat beschrieben werden, wenn man sie auf ihre geschlechtliche Ausrichtung eingrenzt.
Jeder Mensch auf dieser Erde hat persönliche Probleme und Schwierigkeiten, aber auch Möglichkeiten zu wachsen, Fähigkeiten, Talente und eigene Gaben. Die Kirche bietet den gerade heute empfundenen dringend nötigen Zusammenhang für die Sorge um die Person des Menschen an, wenn sie sich weigert, eine Person ausschließlich als »heterosexuell« oder »homosexuell« einzustufen, und darauf besteht, daß jeder Person dieselbe fundamentale Identität zukommt: Geschöpf zu sein und durch die Gnade Kind Gottes, Erbe des ewigen Lebens” (HP 16).
Das bedeutet, dass die Seelsorge für diese Menschen ihnen helfen muss, in der Logik der Selbsthingabe zu leben, indem sie ihre Fähigkeiten, Talente und Gaben zu Nutzen der Kirche und aller stellen.
Nur in der Selbsthingabe geht der Mensch den Weg seiner eigenen Glückseligkeit und Heiligung.
8. Die Kirche muss sie ermahnen, keusch zu leben, so wie sie alle anderen ermahnt, keusch zu leben: “Homosexuelle Personen sind, wie die Christen insgesamt, dazu aufgerufen, ein keusches Leben zu führen.
Wenn sie in ihrem Leben die Natur des persönlichen Rufes Gottes an sie zu verstehen suchen, werden sie das Sakrament der Buße mit größerer Treue feiern und die hier so freigebig angebotene Gnade des Herrn empfangen können, um sich vollkommener zu seiner Nachfolge bekehren zu können” (HP 12).
9. Dies hat die positive Seite eines intensiveren Lebens in Gemeinschaft mit dem Herrn.
Da niemand ohne Zuneigung leben kann, müssen wir darauf abzielen, die Gemeinschaft mit dem Herrn, der der Bräutigam unserer Seele ist, in vollem Umfang zu leben, durch die Gemeinschaft des Lebens mit Ihm im Gebet, im Hören des Wort Gottes, in der Teilnahme an den Sakramenten und der Gemeinschaft der Heiligen.
Diese Menschen haben in gewisser Hinsicht mehr Zeit als andere, sich dem spirituellen Leben zu widmen und werden ihrerseits zu Seelen Erzeugern.
Auf diese Weise können sie sich leichter einer geistigen Erfüllung erfreuen, die ein Vorspiel für die himmlische Erfüllung ist, nach der alle streben sollten.
10. Gleicherweise sollten auch die menschlichen Freundschaften gepflegt werden.
Aus offensichtlichen Gründen muss diese Freundschaft keusch sein, um wahr und fruchtbar für das geistliche Leben sein zu können.
Auch deshalb sollten selektive Freundschaften, d.h. nur mit Menschen derselben sexuellen Orientierung, vermieden werden.
11. Die Keuschheit bringt bei homosexuellen Personen einige Verzichte mit sich, so wie sie es in gewisser Hinsicht in jedem Lebenszustand tut.
Im Apostolischen Schreiben wird die Frage gestellt: “Was sollen demnach homosexuelle Personen tun, die dem Herrn folgen wollen?“
Grundsätzlich sind sie dazu aufgerufen, den Willen Gottes in ihrem Leben zu verwirklichen, indem sie alle Leiden und Schwierigkeiten, die sie aufgrund ihrer Lage zu tragen haben, mit dem Kreuzesopfer Christi vereinigen.
Für den Gläubigen ist das Kreuz ein fruchtbares Opfer, denn aus diesem Tod erwächst Leben und Erlösung. Obwohl jede Aufforderung, das Kreuz zu tragen oder das Leiden des Christen auf diese Weise zu verstehen, vorhersehbar von einigen verspottet werden wird, sollte man daran denken, dass dies der Weg der Erlösung für alle ist, die Christus nachfolgen. In der Tat ist dies nichts anderes als die Lehre des Apostels Paulus an die Galater, wenn er sagt, dass der Geist im Leben des Gläubigen : “Liebe, Freude, Frieden, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit. Ihr dürft nicht zu Christus gehӧren, ohne diese Leidenschaften und Begierden zu kreuzigen” (Gal. 5, 22.24).
Dieser Aufruf wird jedoch leicht missverstanden, wenn er als ein doch zweckloses Bemühen um Selbstverleugnung angesehen wird.
Das Kreuz ist gewiss ein Ausdruck der Selbstverleugnung, die aber im Dienst des Willens Gottes steht, der aus dem Tod Leben erstehen lässt und der jene, die ihm vertrauen, befähigt, den Weg der Tugend anstelle den des Lasters zu gehen. Man feiert das Paschamysterium wirklich nur dann, wenn man das Gewebe des täglichen Lebens von ihm durchdringen läßt. Wer sich weigert, seinen eigenen Willen in Gehorsam dem Willen Gottes zu unterwerfen, stellt in Wirklichkeit der Erlösung ein Hindernis in den Weg. Wie das Kreuz zentraler Ausdruck der erlösenden Liebe Gottes zu uns in Jesus Christus ist, so begründet die sich selbst verleugnende Gleichförmigkeit homosexueller Männer und Frauen mit dem Opfer des Herrn für sie eine Quelle der Selbsthingabe, die sie vor einem Leben bewahrt, das sie fortwährend zu zerstören droht” (HP 12).
12. Dies sind also meiner Meinung nach die allgemeinen Kriterien der Pastoral für homosexuelle Menschen.
Es sollte eher eine persӧnliche als kollektive Pastoral sein, und das damit keine Sekten in der Gemeinde entstehen.
Das apostolische Schreiben schließt wie folgt ab: “Kein authentisches pastorales Programm darf Organisationen einschließen, in denen sich homosexuelle Personen zusammenschließen, ohne daß zweifelsfrei daran festgehalten wird, daß homosexuelles Tun unmoralisch ist.
Eine wahrhaft pastorale Haltung wird die Notwendigkeit betonen, dass homosexuelle Personen die nächste Gelegenheit zur Sünde zu meiden haben. Ermutigung sollen jene Programme finden, in denen die genannten Gefahren vermieden werden.
Es muss jedoch Klarheit darüber bestehen, dass ein Abweichen von der Lehre der Kirche oder ein Schweigen über sie, das auf diesem Weg pastorale Fürsorge anbieten möchte, weder Ausdruck echter Sorge noch gültige Pastoral ist.
Nur das Wahre kann letzten Endes auch pastoral sein.
Jeder aber, der die Position der Kirche missachtet, verhindert, dass homosexuelle Männer und Frauen jene Sorge erfahren, derer sie bedürfen und auf die sie ein Recht haben. Ein echtes pastorales Programm wird homosexuelle Personen auf allen Ebenen ihres geistlichen Lebens fördern: durch die Sakramente, insbesondere durch den häufigen und ehrfürchtigen Empfang des Buß-Sakramentes, durch das Gebet, durch das Zeugnis, durch Beratung und individuelle Mitsorge” (HP 15).
13. Die Kirche muss allen die Schätze der Heiligkeit erschließen.
Sie muss allen die Pädagogik der Heiligkeit anbieten.
Eine Pastoral, die die Heiligkeit der Gläubigen nicht fӧrdert, wäre keine wahre Pastoral.
Ich danke dir, dass du mir die Gelegenheit gegeben hast, diese Orientierungskriterien vorzustellen.
Während ich dir alles Gute wünsche, schließe ich dich in mein Gebet ein und segne dich.
Pater Angelo
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