Frage

Guten Tag,

ich bitte Sie um Klärung einer Angelegenheit und um ein Wort des Trostes. Ich bin 60 und vor 8 Jahren hat mein Mann mich und unseren damals noch nicht volljährigen Sohn verlassen, weil er sich in eine viel jüngere Kollegin verliebt hatte. Er hat die Scheidung eingereicht, eine Tochter bekommen und lebt nun glücklich zusammen mit seiner neuen Familie (wir sind übrigens seit unserem letzten Treffen vor Gericht nicht mehr in Kontakt und auch zu unserem Sohn hat er den Kontakt abgebrochen). Nach den ersten Jahren, in denen ich viele Probleme hatte, ist mein Leben jetzt ruhiger, aber ich muss zugeben, dass ich sehr darunter leide, niemanden zu haben, mit dem ich mein Leben teilen kann. Nicht dass es mir an Gelegenheiten fehle, aber für mich ist die vor 37 Jahren gefeierte Ehe immer noch ein unüberwindliches Hindernis und ich bleibe (anscheinend dummerweise) einem Ehemann treu, mit dem ich nichts mehr zu tun habe. Es ist erst ein paar Tage her, dass ich wieder einen „Freund“, einen Witwer, zurückgewiesen habe, sobald ich merkte, dass es mehr ist als nur Freundschaft. Ich weiß, es hat ihn verletzt und es tut mir sehr leid dafür. Aber ich bin überzeugt, das Richtige getan zu haben, nur, weshalb fühle ich mich dann so elend? Warum diese Strafe? Muss ich hoffen, dass mein Ex-Mann stirbt, damit auch ich etwas Zuneigung bekomme? Das ist nicht richtig.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit und entschuldigen Sie meinen etwas emotionalen Ausbruch.

G.


Antwort des Priesters

Liebe G.,

1. an deinem Hochzeitstag hast du deinem Ehepartner in guten wie in schlechten Zeiten Treue geschworen.

Dasselbe hat auch dein Mann versprochen, aber er hat sein Eheversprechen nicht eingehalten.

Ihr habt euch für einen so feierlichen und unauflöslichen Pakt entschieden, dass ihr ihn vor dem Herrn feiern wolltet. An jenem Tag wurden euch auch Seine Worte wiederholt: “Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen” (Mt 19,6).

Die wirkliche Frau deines Mannes bist du. Mit dir ist er vor dem Herrn eins geworden.

Die Frau, mit der dein Mann zusammenlebt, auch wenn sie Ehefrau genannt wird, ist nicht seine richtige Frau.

Menschliche Aussagen und Urteile spielen hier keine Rolle. Was zählt, ist Gottes Tat. Er hat euch zu Mann und Frau gemacht.

2. Als dein Mann dich verlassen hat, bist du vor allen sichtbare Zeugin der unermüdlichen und treuen Liebe Jesu Christi zu seiner Kirche und der Liebe Gottes geworden, der Liebe, die Er einem jeden von uns entgegenbringt.

Diese stille Predigt hältst du nun schon seit acht Jahren, obwohl im Leid.

Jeder, der dich sieht, kann es bemerken. 

Vielleicht denkt sogar dein Mann aus der Ferne ab und zu daran, was er dir angetan hat, an deine Treue und an deine Einsamkeit.

Der Herr wird es dir zu vergelten wissen.

3. Höchstwahrscheinlich ist in dieser Angelegenheit der Ruf des Herrn zu verstehen, eine größere und intensivere Gemeinschaft mit Ihm zu erfahren.

Wie du vielleicht erkannt hast, hat Er deinem Mann erlaubt, wegzugehen, damit du entdeckst, dass Er dein erster und unersetzlicher Bräutigam ist und dass du dein Leben an erster Stelle mit Ihm leben musst.

4. Denn wie du weißt, ist die Ehe ein Sakrament.

Sakrament bedeutet heiliges Zeichen.

Das Zeichen bezieht sich immer auf eine Wirklichkeit.

Bei der Ehe ist diese Realität Jesus, der im Alten Testament durch den Propheten Hosea so gesprochen hat: “An jenem Tag wirst du zu mir sagen: Mein Mann!” (Hos 2,18).

Das bedeutet, dass dein Ehemann, obwohl er eine reale und lebendige Person und vor allem dein Bräutigam ist, gleichzeitig auch in seiner Abwesenheit ein Zeichen und eine ständige Erinnerung an einen anderen, immer gegenwärtigen,  Bräutigam ist.

Die Heilige Schrift äußert sich so über Ihn “reine Freude ist in seiner Freundschaft” (Weish 8,18).

5. Den Rat, den ich dir gebe, ist nicht der, dich mit einem anderen Mann zu trösten, der schließlich niemals dein Ehemann werden könnte, weil du ja bereits verheiratet bist.

Was ich dir stattdessen sagen möchte ist: “Strebe nach Höherem.

Dein Bräutigam erwartet dich, um deine Seele mit der Gesellschaft und der Süße des Himmels zu füllen.

Niemand kann dir das geben, was Er dir gibt, auch nicht in Form von Zuneigung.

Strebe nach Heiligkeit”.

6. Im nachsynodalen Apostolischen Schreiben Familiaris consortio widmete der große Papst Johannes Paul II. einen besonderen Gedanken gerade an die Menschen, die in deiner Situation leben, und schreibt: „Einsamkeit und andere Schwierigkeiten sind oft die Folge für den getrennten Gatten, zumal wenn er unschuldig ist . (…).

Ähnlich liegt der Fall eines Ehegatten, der geschieden wurde, aber sehr wohl um die Unauflöslichkeit des gültigen Ehebandes weiß und darum keine neue Verbindung eingeht, sondern sich einzig um die Erfüllung seiner Verpflichtungen für die Familie und ein christliches Leben bemüht. Ein solches Beispiel der Treue und christlicher Konsequenz ist ein wertvolles Zeugnis vor der Welt und der Kirche. Um so notwendiger ist es, daß die Kirche solchen Menschen in Liebe und mit praktischer Hilfe unablässig beisteht, wobei es keinerlei Hindernis gibt, sie zu den Sakramenten zuzulassen.” (FC 83)

7. So hast auch du, selbst in der Situation einer ungewollt geschiedenen Ehegattin, deine Mission zu erfüllen.

Und dadurch, dass du an den Sakramenten teilnehmen und davon profitieren kannst, lässt du allen den Weg erkennen, der zur ewigen Erlösung führt und zur Gemeinschaft mit dem Einen, dessen Platz niemand einnehmen kann, weil niemand das geben kann, was Er gibt.

Ich versichere dir mein Gebet, wünsche dir eine frohe Adventszeit und eine Novene zur Unbefleckten Empfängnis voller guter Früchte.

Ich segne dich

Pater Angelo

Questo articolo è disponibile anche in: Italienisch