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Lieber Padre Angelo,

ich bin ein 30-jähriger Junge, der gerade den Weg der Bekehrung sucht…einen Weg mit all seinen Hӧhen und Tiefen…ich würde Ihnen aber gern folgende Frage stellen…

Ich lese gerade ganz viel über die Kirche und das Evangelium….warum hat es den Anschein, dass die meisten Leute diese Themen als eine ihrer letzten Sorgen betrachten,

als etwas, das sie nicht betrifft … eher als eine Tradition und nicht als etwas, dem höchste Bedeutung beigemessen werden muss.

Ich leugne nicht, dass gerade dieser Aspekt mir die meisten Zweifel verursacht… ich denke an die Jugendlichen von heute …sie folgen keiner Regel…leben in großer sexuellen Freiheit…ist etwa das der berühmte „breite Weg“? 

Der Zweifel am Glauben kommt nicht von der Religion selbst, sondern von der Interpretation, die die meisten Leute davon geben….man schaut sich um, und es ist, als lebe man ohne diese Worte des Evangeliums….als wären sie nie ausgesprochen worden…als wäre alles erlaubt…und so fragt man sich…haben vielleicht doch sie Recht oder sollte man besser den Worten des Evangeliums folgen?

Ich danke Ihnen für den Trost, den ich in Ihrer Antwort finden werde…


Mein Lieber,

1. deine Bemerkung ist richtig.

Es kann vorkommen, dass jemand, der das Evangelium ernst nehmen möchte und sich umschaut, um zu sehen, wie es gelebt werden soll, Trostlosigkeit verspürt.

2. Wir leben in einer organisierten Gesellschaft. In jedem Lebensbereich hat die gewöhnliche Vorgehensweise Einfluss auf die Bestimmung unseres Handelns.

Dies gilt auch für religiöse Praktiken, und aus diesem Grund denkt man am Anfang, das man tun muss, was die anderen auch tun. 

3. Wenn nun in anderen Lebensbereichen die gemeinsame Vorgehensweise auch von der Disziplin bestimmt wird, so dass sie in gewissem Sinne auch vorbildlich wird, scheint, was die Religion anbelangt, dass alles dem persönlichen guten Willen überlassen wird.

Deshalb kommen nicht wenige zu dem Schluss: ja, Religion braucht es auch, aber nicht zu viel.  Und wenn jemand versucht, über das Mittelmäßige hinauszugehen, gilt man schnell als Fanatiker.

4.Um auf deine Frage zurückzukommen, scheint es mir, dass unsere Gesellschaft in gewisser Weise der Situation sehr ähnlich ist, in der sich der Hl. Augustinus befand, als er nach Karthago ging, um zu studieren.  Er war noch nicht getauft worden.  

Nach seiner Bekehrung wird er selbst in späteren Jahren nach einigen Jahren schreiben: “Nach Karthago kam ich und von allen Seiten umtoste mich das ekle Gewirr schändlicher Liebeshändel (…).

Du selbst, o mein Gott, hattest mir eingepflanzt in das Herz einen Hunger, der du selbst bist die Speise des Herzens; dieser Hunger aber war nicht lebendig in mir, sondern ich war ohne Sehnsucht nach unvergänglicher Speise, doch nicht, weil ich etwa erfüllt war von ihr, sondern je leerer ich war, desto mehr widerstand sie mir. Deshalb siechte meine Seele, und in ihrem Elend warf sie sich hinaus in die Außenwelt, gierend nach sinnlicher Reizung. Wohl würde auch das Sinnliche nicht geliebt werden, wenn es nicht beseelt wäre;” (Bekenntnisse, III, 1,1,) und zwar liebte er, den Genuss der Kӧrper zu spüren denn er hatte noch nicht wahrgenommen, dass die wahre Liebe  der Freundschaft ist.  

“Auch die Schauspiele rissen mich hin, weil sie erfüllt waren von Bildern meines eigenen Elends und neuen Zunder boten für mein brennendes Herz” (Ib, 2).

5. Auf diese Weise verlor sich Augustinus nicht nur unter dem spirituellen Profil, weil er von der Sekte der Manichäer angelockt wurde, sondern auch unter dem moralischen Profil, weil er anfing, zügellos in der Unreinheit zu leben.   

Aber gerade Unreinheit ist unvereinbar mit dem Genuss der Sachen Gottes.

So wie wir es aus den schon zitierten Worten entnommen haben, wird er später zugeben: er verspürte keinen Hunger mehr nach innerlicher Nahrung denn er war demgegenüber unempfindlich geworden.  Unempfindlich, nicht weil er davon satt war, sondern weil er nie davon gekostet hatte. 

Das schlimmste daran war, dass er nicht in der Lage war, davon zu kosten, weil seine Seele in seiner Sensibilität verdorben war. 

6. Das ist die Situation vieler, die dich umgeben.

Unter einem menschlichen Gesichtspunkt gesehen, haben sie sich in einen Teufelskreis verwickelt, aus dem es unmӧglich scheint, herauszukommen.  Weil sie der Unreinheit verfallen sind, haben sie den Geschmack für die Dinge Gottes verloren.

Die Unreinheit hat ihre Wahrnehmung des Appetits betäubt, der dafür geschaffen wurde, um von Gott gesättigt zu werden.

7. Was tun, in dieser Situation?

Die Geschichte des Hl. Augustinus ist diesbezüglich aufschlussreich, auch für das, was daraus folgt. 

Während er nur noch ein ausschweifendes Leben führte und den menschlichen Ruhm suchte, begann er, sich davor zu ekeln, so wie ein Hund, der zu dem zurückkehrt, was er erbrochen hat, und die gewaschene Sau, die sich wieder im Dreck wälzt  (vgl. 2. Petr. 2,22).

Genau in dieser Situation kam ihn ein Freund besuchen, ein gewisser Pontitianus, der erstaunt war, dass bei Augustinus auf einem Spieltisch die Paulinischen Briefe lagen. Dann kam er auf den ägyptischen Mönch Antonius zu sprechen, der Augustinus völlig unbekannt war.

Er erzählte ihm auch vom Leben vieler Mönche, die am Stadtrand von Mailand lebten.

Und vom Leben einiger Kaiserfunktionäre aus Trier, die bei einem Spaziergang auf eine Hütte neugierig geworden waren, in der einige Mӧnche lebten. 

Als sie eintraten, sahen sie ein Buch, in dem Antonius Leben aufgeschrieben war. Sie lasen es und beschlossen, bei ihnen zu bleiben. 

Und er erzählte ihm auch von anderen Kollegen, die das Gleiche getan hatten, als sie  erfuhren, was passiert war.  Letztere waren sogar verlobt.

Und als ihre Freundinnen mitbekamen, was ihre Verlobte getan hatten, taten sie dasselbe und weihten ihre Jungfräulichkeit Gott (vgl. Bekenntnisse VIII, 6,14-15).

8. Deshalb bist du im vorliegenden Fall auch aufgerufen, das zu tun, was Antonius getan hat, ohne das Beispiel von jemandem vor sich zu haben, der ihm vorausgegangen war.

Antonius wünschte sich sehr, das Evangelium noch einmal zu erleben, aber sah stattdessen nur viel Mittelmäßigkeit vor sich.  Während er sich fragte, was er tun könnte, trat er eines Tages in eine Kirche ein und hörte den Diakon diese Worte Jesu verkünden:  “Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach!” (Mt 19,21).

Antonio setzte diese Worte sofort in die Praxis um und sein Leben wurde zu einem Vorbild für viele andere, bis zu Augustinus.  

9. Das will jetzt nicht heißen, dass du Mӧnch werden sollst, sondern lebe das Evangelium, das heißt dein Leben mit Jesus in vollem Umfang.

Abgesehen vom Lebenszustand, in dem der Herr dich ruft.

Für dich selbst und für alle musst du wie das Salz sein, das seinen Geschmack behält.

Solltest du ihn verlieren, würde dir das Evangelium bedeutungslos erscheinen, genauso wie das christliche Leben, das heute von den meisten geführt wird, und für dich und viele andere bedeutungslos ist.

10. Konkret bedeutet das, du musst durch die enge Pforte gehen, (Mt 7,14), die Christus selbst ist.

Bleib in höchster Weise mit Ihm vereint.

Tu, was Ihm gefällt, denn auf diese Weise wirst du mit jedem Segen erfüllt sein.

11. Als der Hl. Dominikus eine neue Art von evangelischem Leben einführen wollte, schaute er sich die vorherigen Ordensregeln an und nahm davon, was ihm am schӧnsten, schwierigsten und für den Zweck am geeignetsten erschien (quod pulchrum, quod arduum, quod discretum).

Mach du das auch so, auf dem Weg, den Gott dir zeigt.  Du wirst bald merken, dass viele, die die gleichen Bedürfnisse haben wie du, das Gleiche tun werden.

12. Führe in dein Leben jene Pädagogik der Heiligkeit ein, von der der Hl. Johannes Paul II. im  “Novo millennio ineunte” sprach.

Achte nicht darauf, ob die anderen es auch eingeführt haben.  

Fang du damit an:

mit einem Leben in Gnade, 

viel Gebet,

mit dem möglichst täglichen Gottesdienstbesuch,

mit einer regelmäßigen und häufigen Beichte,

mit dem Streben nach Heiligkeit,

mit dem Hören auf Gott, der durch die heiligen Schriften, das Leben der Heiligen und die Natur zu dir spricht, und in der Ankündigung oder im Zeugnis dessen, was du erlebt hast.

Damit du diese Pädagogik der persönlichen Heiligkeit so schnell wie möglich und auf die fruchtbarste Weise in dein Leben  einführen kannst, versichere ich dir meine Gebete und segne dich.

Padre Angelo