Frage

Guten Tag, Pater,

ich bin von klein auf eine praktizierende Christin. Mit 23 Jahren habe ich einen Mann geheiratet, der sich im Laufe der Zeit leider als unzuverlässig erwies, und dem sowohl Ehrlichkeit als auch wahre Zuneigung zu mir und unseren Kindern fehlten.
Jahrelang habe ich so getan, als wäre alles in Ordnung. Schließlich, mit meinen Kräften am Ende, begann ich, in einem anderen Zimmer zu schlafen – auch wenn sich dadurch letztlich nichts änderte, da mein Mann seit Jahren impotent war und ich mich dieser Situation schweigend angepasst hatte.
Eines Tages ist mein Mann trotz allem ausgezogen. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen –es sei denn zufällig, und selbst dann würdigte er mich keines Blickes.
Ich gehe weiterhin regelmäßig in die Kirche und empfange jeden Sonntag die Kommunion. Den Leib Christi zu empfangen, gibt mir die Kraft, das Leben zu meistern.
Vor einigen Monaten habe ich einen Mann kennengelernt und ich glaube, wir haben uns ineinander verliebt. Meine Frage ist nun: Darf ich diese Liebe leben, ohne auf den Leib Christi verzichten zu müssen? Habe ich nach so viel Leid und Gleichgültigkeit nicht auch das Recht auf eine Umarmung, einen Kuss, ein bisschen Liebe, ohne dabei auf Jesus verzichten zu müssen, der doch meine größte Kraft und meine tiefste Liebe bleibt?


Antwort des Priesters

Liebe Besucherin,

  1. Das Band, das am Tag der Hochzeit geschlossen wird, hält ein Leben lang – bis der Tod euch trennt.
    An diesem Tag verspricht man sich, in guten wie in schlechten Zeiten treu zu bleiben. Schlechte Zeiten können auch die sein, die dir widerfahren sind.
  2. In der christlichen Ehe sind die Ehepartner gerade weil es ein Sakrament ist, füreinander ein Zeichen und eine Erinnerung an den einen Bräutigam, den niemand ersetzen kann: Unseren Herrn Jesus Christus. Alle Ereignisse des Lebens dienen dazu, uns immer näher zu Ihm zu führen, der nicht nur unser Trost, sondern unser Alles ist.
  3. Angesichts dessen erscheint es wenig sinnvoll, vorübergehend Trost bei einem anderen Mann zu suchen – zumal dies vermutlich auch den Kindern nicht guttut. Nachdem sie ihren Vater praktisch verloren haben, wünschen sie sich, dass die Zuwendung ihrer Mutter ganz ihnen gehört.
    Ihre Nähe ist für dich unendlich viel wertvoller als die Zärtlichkeit eines Mannes, der nicht dein Ehemann ist.
  4. Daher gibt es letztlich zwei Wege: Entweder du wendest dich an das kirchliche Gericht, um die Nichtigkeit der Ehe feststellen zu lassen und anschließend die Situation mit dem neuen Partner zu regeln – wobei ich allerdings bezweifle, dass die Nichtigkeit anerkannt werden könnte, da zum Zeitpunkt der Eheschließung jene Hindernisse, die sich erst später gezeigt haben, noch nicht bestanden.
    Oder du entscheidest dich für ein Leben in Keuschheit und richtest dich auf die Heiligung aus, zu der wir alle berufen sind.
    Schließlich ist die Liebe, die uns vom Herrn geschenkt wird, unermesslich größer als jede Liebe, die von einem Menschen kommen kann. Das erfährst du immer wieder, denn in der heiligen Kommunion erfüllt Jesus Christus dein Herz und deine Seele auf eine Weise, wie kein anderer es zu tun vermag.
    Dies ist bereits deine eigene Erfahrung, auf die du nicht verzichten möchtest, weil du spürst, dass sie dir Kraft schenkt.
    Kein Mensch – so heilig er auch sein mag – kann mit seiner Person im Herzen und in der Seele eines anderen gegenwärtig sein.
    Dies ist das ausschließliche Vorrecht Jesu Christi.
  5. Aus rein menschlicher Sicht fragen sich die Menschen: Habe ich denn nicht auch das Recht auf eine Umarmung, einen Kuss und Ähnliches?
    Betrachtet man die Dinge ausschließlich aus der Perspektive des gegenwärtigen Lebens, ist diese Frage nachvollziehbar.
  6. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass wir zu einem heiligen Leben und zum ewigen Leben berufen sind.
    Es sei daran erinnert, dass das Wort „Ehe“ im Hebräischen kadushim lautet, was „Heiligung“ bedeutet.
  7. Der entscheidende Punkt liegt genau darin: im Bewusstsein, dass wir zu einem heiligen Leben berufen sind und unsere Gemeinschaft mit Jesus Christus sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten immer stärker gestalten sollen.
    Nur auf diese Weise bereiten wir unser ewiges Leben vor.

Ich wünsche dir alles Gute, segne dich und gedenke deiner im Gebet.
Mit dir segne ich auch deine lieben Kinder und bete auch für sie.
Pater Angelo

Questo articolo è disponibile anche in: Italienisch