Frage
Lieber Pater Angelo,
zunächst danke ich Ihnen aufrichtig für die Hilfe, die Sie mir durch das Aufsuchen Ihrer Internetseite zukommen lassen.
Die vielen E-Mails, die ich lesen konnte, haben mir nicht nur einen Überblick verschafft, sondern sie gehen sehr detailliert auf die verschieden Aspekte unseres Glaubens ein. Sie helfen mir dabei auch, auf meinem Weg der Bekehrung mein Gewissen zu formen.
Da ich als Laie in einer Gruppe junger Franziskaner die Kirche besuche, habe ich die dramatische Situation vor Augen, in der sich heute viele Gläubige befinden, in Bezug auf die doktrinelle Bildung. Die Rede ist nicht von hoher Theologie, der Mangel, von dem ich spreche, betrifft vielmehr das ABC des Katechismus. Viele sind sich beispielsweise gar nicht bewusst, dass eine einzige nicht gebeichtete Todsünde ausreicht, um in der Hölle zu landen. Auch unter den Kirchengänger ist das Sündengefühl verloren gegangen, denn bei vielen gehört dazu nur Töten, Stehlen und höchstens die Abtreibung, alles Übrige ist erlaubt und es gibt nichts Schlechtes daran. Das sechste Gebot scheint heutzutage schon überhaupt nicht mehr zu zählen, obwohl der Katechismus der katholischen Kirche klipp und klar bekräftigt, dass die Gebote den Menschen immer und in jedem Fall verpflichten. Ganz zu schweigen von der Position einiger Amtsträger der Kirche, die meiner Meinung nach grundlegende Wahrheiten unseres Glaubens wie die oben erwähnten, lieber verbergen, anstatt das Gewissen der Gläubigen zu sensibilisieren, die sich all dessen nicht bewusst sind.
Leider gibt es Amtsträger, die der Kirche widersprechen, indem sie behaupten, die Gebote Gottes seien nicht so bindend, Gott schaue nämlich in die Herzen der Menschen, und dass sich zu 99% alle retten, weil Jesus schon durch seinen Tod am Kreuz für unsere Erlösung gesorgt hat. Daher wäre es nicht notwendig, dass wir uns irgendwie abmühen müssen, um uns selbst zu retten, doch dabei sagt gerade das Evangelium genau das Gegenteil: Jesus lädt uns ein, durch die enge Tür zu gehen!
Ich habe noch vieles mehr gehört, aber ich belasse es lieber hierbei. Ich habe mehrmals innegehalten, um darüber nachzudenken, wie es zu dieser dramatischen Situation kommen konnte, aber ehrlich gesagt, habe ich keine überzeugende Antwort gefunden. Ich frage Sie: kann es sein, dass heutzutage ein Gläubiger, der seinen Glauben vertiefen möchte, sich das Wissen selbstständig im Internet aneignen und sich dort Priester zu Rate ziehen muss, weil er in den Pfarrgemeinden und durch deren Priester keinerlei Unterstützung findet?
Warum werden die Gläubigen nicht klipp und klar darüber informiert, wie die Dinge stehen? Die Priester scheinen die Wahrheit absichtlich verschweigen zu wollen. Was sind die Ursachen dafür? Wie sind wir zu diesem totalen Verschweigen der Wahrheit gekommen?
Entschuldigen Sie, wenn ich mein Bedauern zum Ausdruck gebracht habe, was meiner Meinung nach in der Kirche vor sich geht, aber genau das ist es, was ich auf den Punkt bringen wollte. Ich bin mir sicher, Sie werden mir eine umfassende Antwort darauf geben, so wie Sie es immer tun.
Ich danke Ihnen von Herzen und werde für Sie beten, damit der Herr Sie vor allem Bösen bewahrt.
Roberto
Antwort des Priesters
Lieber Roberto,
1. ich danke dir zunächst für das, was du zu Beginn deiner E-Mail geschrieben hast.
Du bist nicht der einzige, der mir sagt, in den Antworten die Nahrung für seine christliche Bildung zu finden.
In dieser Hinsicht kommt uns das Internet gelegen.
Jedoch bin ich mir auch bewusst, dass auch das, vom heiligen Paulus benannte Geheimnis des Bösen Internet für seine Zwecke nutzt.
Aber glücklicherweise für uns wirkt über das Internet auch das Geheimnis der Frömmigkeit. Jesus setzt auch auf diesem Weg sein großes Werk der Evangelisierung, der Erlösung und der Heiligung fort.
2. Kommen wir nun zu der Entmutigung, die du äußerst, bezüglich der Unwissenheit, in der sich viele Gläubige befinden, und der Nachlässigkeit vieler Pastoren.
Ich denke, der erste Grund liegt darin, dass es heute keine Katechese für Erwachsene mehr gibt, während sie früher systematisch und gut durchdacht jeden Sonntagnachmittag während des Vespergottesdienstes durchgeführt wurde.
3. Die Themen für diese Katechesen wurden Jahr für Jahr festgelegt.
Sie beinhalteten grundsätzlich vier Punkte:
die Erklärung des Glaubensbekenntnisses
die Erklärung der Gebote
die Erklärung der Sakramente
die Erklärung der ultimativen Wirklichkeiten (novissimi) und des Gebets.
Hatte man, im Laufe von vier Jahren, alle vier Themen durchgemacht, ging es wieder von Vorne los. Auf diese Weise erhielten die Gläubigen eine ständige Weiterbildung.
4. Heute ist diese Katechese vor allem daran gescheitert, dass die Menschen sonntags, wenn nur möglich, der Stadt entfliehen.
Hinzu kommt die organisierte Arbeit, so wie wir sie heute kennen, mit festen Arbeitszeiten und mit oft ermüdenden Fahrten, die die Feiertagsruhe noch ununterdrückbarer machen.
Die Kirche ist sich dieser Leere bewusst.
Johannes Paul II. sagte, dass die kontinuierliche Katechese für Erwachsene zu den pastoralen Dringlichkeiten der Kirche gehört.
5. Allerdings muss man zugeben, dass diesbezüglich auch heute noch keine völlige Leere herrscht.
Viele Pfarreien bieten zu anderen Zeitpunkten Katechese für Erwachsene an. Aber nur eine geringe Anzahl von Gläubigen tretet dieser Initiative bei.
Einige kirchliche Bewegungen und Vereine versuchen, selbstständig dafür zu sorgen. Aber auch hier bleibt die Zahl der Interessenten sehr gering.
6. Abgesehen davon, gibt es noch andere wunde Punkte, die die theologische Ausbildung der zukünftigen Priester beeinträchtigen, und die Gleichgültigkeit der Verantwortlichen, Priester in Bezug auf das, was sie den Gläubigen lehren oder sagen, zurechtzuweisen.
Zum Glück gibt es die Mittel der sozialen Kommunikation, die die aufgezeigten Mängel tatsächlich weitgehend kompensieren.
Auch unter diesem Aspekt muss gesagt werden, dass Gott sein Volk nicht verlassen hat und es nicht ohne Katechese lässt.
Die Menschen guten Willens wissen, wo sie zu finden sind und lassen sie sich nicht entgehen.
Vielen Dank für das Gebet, das du mir versprochen hast.
Gerne erwidere ich es und segne dich.
Pater Angelo
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