Frage

Lieber Pater Angelo,
es ist mir etwas peinlich, aber ich möchte Ihnen eine Frage stellen, auf die ich keine Antwort finde.
Während eines Abendessens fragte mich ein Freund: „Wenn Gott die Zukunft kennt, dann wusste Er bereits im Augenblick der Schöpfung, was alles geschehen würde. Er wusste, dass die Menschen schreckliche Taten begehen würden – Morde, Vergewaltigungen, Gewalttaten – und dass sie ständig Kriege gegeneinander führen würden. Er wusste auch, dass viele Christen in verschiedenen Ländern, besonders in Afrika und Asien, verfolgt, diskriminiert und getötet werden würden. Welchen Sinn hat das alles?“
Ein anderer Freund und ich konnten darauf keine überzeugende Antwort geben. Ich muss gestehen, dass mir das peinlich war, weil ich erkannt habe, dass mein Glaube vielleicht doch keine so festen Grundlagen hat, wie ich dachte, und dass meine Kenntnis der Heiligen Schrift ziemlich lückenhaft ist.
Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen alles Gute.
Manlio


Antwort des Priesters

Lieber Manlio,

  1. Gerade bei diesem Abendessen hättest du deinem Freund antworten können: Warum hat Gott den Wein erschaffen, obwohl er wusste, dass viele ihn missbrauchen würden?
    Und doch – ein Abendessen ohne Wein, was für ein Abendessen ist das schon?
  2. Ja, von Beginn der Geschichte bis heute hat es viele Übel gegeben.
    Aber besteht die wahre Geschichte dieser Welt nur aus dem Bösen?
    Wie viele Menschen haben ehrlich gelebt und sich aus Liebe zu ihren Kindern und ihrer Familie aufgeopfert und selbstlos gehandelt? Es sind fast alle!
    Hätten sie nicht existieren dürfen, nur weil einige von ihnen zu Verbrechern geworden sind?
    Die überwältigende Mehrheit der Menschen hat seit Anbeginn der Welt familiäre Liebe erfahren und die einfachen, bescheidenen Freuden des Lebens genossen.
    Hätten sie deshalb nicht existieren dürfen, nur weil es auch Kriminelle gibt?
    Auch heute sind die meisten Menschen keine Kriminellen und haben genauso ein Recht zu existieren– trotz der Verbrecher.
  3. Der wissenschaftliche und technologische Fortschritt ist ein großer Segen Gottes, von dem wir heute alle profitieren.
    Sollten wir darauf verzichten, nur weil manche ihn zum Bösen missbrauchen?
  4. Ein altes Sprichwort lautet: „Abusus non tollit usum.“
    Mit anderen Worten: Es ist nicht richtig, dass wegen des Missbrauchs durch einige der Gebrauch vieler guter Dinge verboten wird.
    Die Argumentation deines Gesprächspartners war ein Sophismus: Sie hatte den Anschein von Vernünftigkeit, war in Wirklichkeit aber töricht.
  5. Wenn wir die Dinge dann auch noch mit den Augen des Glaubens betrachten, tritt die göttliche Weisheit umso deutlicher hervor: Gott ist so allmächtig, dass er selbst aus der Zulassung des Bösen noch Gutes hervorgehen lassen kann.
    Gerade wegen der Übel dieser Welt hat es Menschen gegeben – und gibt es sie bis heute –, die sich bis zum Äußersten hingegeben haben. Man denke etwa an Mutter Teresa, Giuseppe Benedetto Cottolengo oder Johannes Bosco …
    Gerade die Nöte ihrer Zeit waren der Funke, der in ihnen ein großes Feuer der Liebe entzündet hat. Das sind nur die bekanntesten Namen; hinter ihnen steht eine unzählige Schar von Menschen, die einzig aus Liebe und für die Liebe gelebt haben.
    Ebenso verhält es sich mit den Verfolgungen, aus denen Märtyrer hervorgegangen sind. Könnte man sie heute, da sie im Himmel sind, fragen, würden sie wohl antworten, dass sie froh sind, ihr Blut für Christus vergossen zu haben – und dass ihnen dafür eine außergewöhnliche Belohnung zuteilgeworden ist, die ewig währt.
  6. Mit dem Blick des Glaubens erkennen wir, dass uns gerade angesichts des Bösen unendlich größere Güter geschenkt wurden: die Menschwerdung Gottes in Jesus Christ – ein Geheimnis, dessen Größe sich kaum in Worte fassen lässt. Und das nicht nur deshalb, weil „alles durch ihn und auf ihn hin geschaffen wurde“ (Kol 1,16), sondern auch wegen dessen, was er im Innersten der Menschen wirkt, besonders durch die Sakramente.
    Demjenigen, der diese Sicht nicht teilt, entgeht das vielleicht. Doch es ist eine Wirklichkeit, die sich Augenblick für Augenblick im Innersten des menschlichen Verstandes und Herzens vollzieht und auf wunderbare Weise die Gnade der Bekehrung und der Heiligung schenkt.
  7. Schließlich richtet sich unser Blick und unsere Bewertung – im Licht des Glaubens – nicht auf die Wirklichkeit dieser Welt, sondern auf das zukünftige Leben, in dem den Seelen der Gerechten „ein übermäßiges Maß an Herrlichkeit“ zuteilwerden wird.
    Dieser Ausdruck stammt aus der Heiligen Schrift, wo es heißt: „Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert. Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Bedrängnis verschafft uns eine unermesslich große, ewige Herrlichkeit, weil wir nicht auf das Sichtbare schauen, sondern auf das Unsichtbare. Denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare aber ist ewig“ (2 Kor 4,16–18).
    Und weiter: „Wir wissen nämlich: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel. Im gegenwärtigen Zustand seufzen wir und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus überkleidet zu werden. So bekleidet, werden wir nicht nackt erscheinen. Solange wir nämlich in diesem Zelt leben, seufzen wir unter schwerem Druck, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde.
    Gott aber, der uns gerade dazu fähig gemacht hat, er hat uns auch als ersten Anteil den Geist gegeben“. (2 Kor 5,1–5).
    Das ist der wahre Blick auf die Wirklichkeit und ist unendlich tröstlich.
    Die Welt hat es verdient, um Jesu Christi willen geschaffen zu werden, der jeden Menschen an seinem Leben und seiner göttlichen Gemeinschaft teilhaben lassen will.

Ich wünsche dir alles Gute für das gegenwärtige und zukünftige Leben, segne dich und gedenke deiner im Gebet.
Pater Angelo

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