Wer ist der Heilige Pier Giorgio Frassati – junger Dominikaner-Laie, Vorbild der jungen Dominikaner und „Prophet“ des jugendlichen Laiencharismas unserer Ordensfamilie?
Pier Giorgio war ein junger Mensch wie viele andere. Er wurde am 6. April 1901 in Turin in eine wohlhabende bürgerliche Familie hineingeboren. Sein Vater Alfredo war Eigentümer und Direktor der Zeitung La Stampa, eine bedeutende Persönlichkeit des politischen und kulturellen Lebens seiner Zeit und später italienischer Botschafter in Berlin.
Pier Giorgio verbrachte eine unbeschwerte Kindheit. Er war lebhaft, großzügig und begann schon früh, seine Beziehung zu Gott zu vertiefen. Bereits als Jugendlicher spürte er Gottes Nähe ganz intensiv.

Er fühlte sich von Harmonie und Schönheit angezogen. Er interessierte sich für Malerei, Kunst, Musik, Literatur und Dichtung. Nach dem Gymnasium schrieb er sich 1919 am Polytechnikum für ein Ingenieurstudium ein. Es waren die schwierigen Jahre unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg – eine Zeit großer gesellschaftlicher Spannungen. Auch an der Universität wurde leidenschaftlich über die Zukunft Italiens diskutiert. Sozialisten, Katholiken und Faschisten standen sich in scharfen Auseinandersetzungen gegenüber.
Pier Giorgio trat dem katholischen Hochschulkreis „Cesare Balbo“ der FUCI (Italienischer Verband katholischer Universitätsstudenten) bei. Im Mai 1924 gründete er zusammen mit engen Freunden die halb scherzhaft gemeinte „Gesellschaft der zwielichtigen Typen“ (Società dei Tipi Loschi). Ihr Ziel war es, sich gegenseitig darin zu unterstützen, als Christen zu leben, sich regelmäßig zu treffen, Erfahrungen des Lebens und des Gebets miteinander zu teilen und dabei die Freude und den Humor der Jugend nicht zu verlieren.
Unter den Studenten des Polytechnikums war allgemein bekannt: Wer ein Problem hatte, sollte zu Pier Giorgio gehen – er würde sicher helfen.
Außerdem engagierte er sich in der Katholischen Aktion sowie in den Vinzenzkonferenzen, deren Treffen und karitativen Initiativen er mit großem Einsatz unterstützte.

Das Geheimnis seiner inneren Stärke und seiner spontanen Großherzigkeit lag im Gebet.
Die tägliche Eucharistie und der Rosenkranz bildeten die beiden tragenden Säulen seines geistlichen Lebens. Sie gaben seinem Dasein als Student, der sich auf vielfältige Weise sozial engagierte, Halt und Orientierung. Seine Spiritualität war tief verwurzelt und im Laufe der Jahre gereift; besonders ausgeprägt war seine Liebe zur Gottesmutter Maria. Als ihn jemand fragte, ob er ein Frömmler sei, antwortete er schlicht: „Nein, ich bin Christ geblieben.“ Diese entwaffnende Antwort lässt seine tiefe und beständige Gemeinschaft mit Gott erkennen.
Sein Gebetsleben erreichte eine außergewöhnliche geistliche Tiefe. Jeder weiß, wie schwer es ist, dem täglichen Gebet treu zu bleiben. Umso erstaunlicher ist die Beharrlichkeit, mit der Pier Giorgio gerade in den stürmischen Jahren seiner Jugend täglich Zeit für Gott reservierte.
Für ihn hatte das persönliche Gebet immer Vorrang. Er war überzeugt, dass seine Tage ohne diese Begegnung mit Gott ihren eigentlichen Sinn verlieren würden.
Unermüdlich widmete sich Pier Giorgio dem Apostolat unter den ärmsten Familien, die er regelmäßig besuchte. Wenn er einem Bedürftigen begegnete, schenkte er ihm seine ganze Aufmerksamkeit und sich selbst – ohne zu zögern. Er war überzeugt: „Es gibt keine wahre Nächstenliebe ohne Demut.“
Oft verschenkte er sogar sein letztes Geld, sodass ihm anschließend nicht einmal mehr das Fahrgeld für die Straßenbahn blieb.
Nach seinem Tod berichteten zahlreiche arme Menschen, dass allein seine Anwesenheit ihre Herzen mit Freude erfüllte. Wenn Pier Giorgio ihre Häuser betrat oder ihnen auf der Straße begegnete, wurde jeder Besuch zu einem Fest, das für einen Augenblick die Last der täglichen Armut vergessen ließ.
Alle spürten, dass von diesem jungen Mann etwas Außergewöhnliches ausging – ein Licht, das von innen kam. Schon damals schien in ihm eine Schönheit aufzuleuchten, die auf den Himmel verwies.

Ende Juni 1925 begann Pier Giorgio, sich krank zu fühlen. Zunächst hielt man seine Beschwerden für eine gewöhnliche Grippe. Tatsächlich aber waren es die letzten Tage seines Lebens.
Innerhalb von nur sechs Tagen erlag er einer fulminanten Poliomyelitis (Kinderlähmung), die er sich vermutlich bei einem seiner Besuche bei den Armen zugezogen hatte. Sein kräftiger Körper, der durch seine Leidenschaft für das Bergsteigen scheinbar unverwüstlich war, wurde von der Krankheit rasch gelähmt.
Die richtige Diagnose wurde erst gestellt, als es bereits zu spät war.
Während seiner schweren Krankheit klagte er kein einziges Mal. Er dachte nicht an sich selbst, sondern ausschließlich an seine Armen, die er liebevoll seine „Schätze für den Himmel“ nannte.
Am 4. Juli 1925 starb er friedlich, nachdem er die heilige Kommunion und die Krankensalbung empfangen hatte.
Einem Freund hatte er einmal anvertraut: „Der Tag meines Todes wird der schönste Tag meines Lebens sein“.
Und an anderer Stelle sagte er: „Man muss jeden Tag leben, als wäre er der letzte, um der Begegnung mit Gott vorbereitet entgegenzugehen“.
Zu seinem Begräbnis strömte eine riesige Menschenmenge: Junge und Alte, Reiche und Arme. Fast alle kannten Pier Giorgio – doch nur wenige wussten überhaupt, dass er ein Frassati war.
Seine Eltern waren zutiefst überrascht von dieser überwältigenden Anteilnahme. Erst jetzt wurde ihnen bewusst, wie sehr ihr Sohn von den Menschen geliebt wurde und wie viele Herzen er berührt hatte. Im Gegensatz zu den Armen hatten sie die Größe ihres Sohnes zu seinen Lebzeiten nicht vollständig erkannt.
Die Heiligkeit braucht keinen berühmten Namen, um sich durchzusetzen.
Schon bald baten seine Freunde und alle, die ihn gekannt und geschätzt hatten, die Kirche, das Seligsprechungsverfahren einzuleiten.
Viele Jahre später, am 20. Mai 1990, erklärte der heilige Papst Johannes Paul II. (Karol Wojtyła), der bereits als Student von Pier Giorgio Frassati gehört hatte, ihn selig und stellte ihn den jungen Menschen unserer Zeit als Vorbild des christlichen Lebens vor.
Zwei Ereignisse prägten das innere Leben Pier Giorgios in besonderer Weise.
Er verliebte sich in eine junge Frau aus seinem Freundeskreis, Laura Hidalgo. Seine Liebe blieb jedoch ein gut gehütetes Geheimnis. Schließlich verzichtete er bewusst auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr, um die Ehe seiner Eltern zu retten, die sich in einer schweren Krise befand.
Er fragte sich: „Welchen Sinn hat es, eine eigene Familie zu gründen, wenn dies auf Kosten einer anderen Familie geschieht?“
Diese Entscheidung bedeutete für ihn ein großes persönliches Opfer. Nach einem langen inneren Ringen fand er die Kraft zum Verzicht, weil er zutiefst davon überzeugt war, dass dies Gottes Wille und damit das größere Gut war. Dieses Opfer wurde für ihn zu einem ersten „Martyrium“. Es ließ ihn geistlich reifen und stärkte ihn für die weiteren Prüfungen seines Lebens.

Im Jahr 1922 trat Pier Giorgio der Dominikanischen Familie als Laie bei. Dort fand er die geistliche Heimat, nach der er gesucht hatte.
Das Ideal des heiligen Dominikus und des damaligen Dritten Ordens (heute: Laiengemeinschaft des Dominikanerordens) bedeutete für ihn die Vollendung seines Lebensweges.
Hier entdeckte er die harmonische Verbindung von: einem tiefen inneren Leben aus der Gnade Gottes, dem Gebet und der Vereinigung mit Christus und einem entschiedenen Einsatz für die Gesellschaft und das öffentliche Leben.

Für Pier Giorgio bestand wahre Förderung des Menschen nicht allein darin, den Armen Almosen zu geben. Er wollte vielmehr dazu beitragen, dass ihre gesamte Lebenssituation menschenwürdiger wurde.
Er war von den sozialen Reformideen des Dominikaners Girolamo Savonarola beeindruckt. Er war überzeugt, dass eine echte Erneuerung der Gesellschaft nur dann möglich sei, wenn das Evangelium alle Bereiche des persönlichen und öffentlichen Lebens durchdringe.
Aus Verehrung für Savonarola wählte er bei seinem Eintritt in den Orden den Namen Bruder Hieronymus (Fra Gerolamo).
Mit großer Begeisterung studierte er die Schriften des heiligen Thomas von Aquin und besonders der heiligen Katharina von Siena.
Seinen Freunden sagte er immer wieder, dass der Eintritt in den Dritten Orden der Dominikaner der wichtigste Schritt seines Lebens gewesen sei und ihm unschätzbare geistliche Früchte geschenkt habe. Deshalb ermutigte er auch sie, denselben Weg einzuschlagen.
An einen Freund schrieb er: „Ich freue mich sehr, dass du zur großen Familie des heiligen Dominikus gehören möchtest. Dort gilt, wie Dante sagt: ‚Dort gedeiht man gut, wenn man sich nicht in leeren Gedanken verliert.‘ Die Verpflichtungen sind wirklich gering – sonst müsstest du verstehen, dass ich selbst keinem Orden angehören könnte, der zu viele Verpflichtungen auferlegt“.

Pier Giorgio lebte einfach als Laie in der Kirche und als Christ in der Welt.
Auf die Frage, ob man sein Leben als „normal“ bezeichnen könne, antwortete Pater Molinari, der Postulator seines Seligsprechungsprozesses:
„Ja – wenn wir unter Normalität verstehen, dass er das gelebt hat, was eigentlich jeder Christ leben sollte. Er war ein junger Mensch mit Hoffnungen, Zweifeln und Träumen. Er lebte seinen Glauben in der Familie, im Studium, unter Freunden und im Dienst an den Armen. Er war offen für die Welt und zugleich tief im Gebet verwurzelt. Wir wünschen uns, dass genau diese Lebensweise für alle Christen zur Normalität wird.“
Pier Giorgio selbst fasste sein Lebensprogramm in einem Satz zusammen, der bis heute berühmt geblieben ist: „Man muss leben, nicht bloß dahinvegetieren“. („Bisogna vivere, non vivacchiare.“)
Diese Worte bringen seine ganze Spiritualität zum Ausdruck. Er stellte nicht sein Leben in den Dienst seiner eigenen Ideen, sondern stellte sein Denken ganz in den Dienst des Lebens, das Gott ihm geschenkt hatte.
Gerade darin verwirklichte sich seine Berufung als Dominikaner-Laie.
Sein Beispiel ist bis heute aktuell. Sein Leben und seine Fürsprache ermutigen uns, Christus treu nachzufolgen und unsere eigene Berufung mutig in Kirche und Welt zu leben.

Am 7. September 2025 wurde der Selige Pier Giorgio Frassati durch Papst Leo XIV heiliggesprochen.

von Fra Roberto M. Viglino o.p.

Questo articolo è disponibile anche in: Italienisch